Weihnachtsgeschichte: Als Gott mit mir Weihnachten feierte

 

Ich sah auf die Uhr. Es war 10.23 Uhr als das Telefon läutete. Am 24 Dezember. Eine tiefe, fast gutturale Stimme an meinem Ohr. Ich hatte den Namen nicht verstanden.

„Ich bin um 10.44 Uhr am Bahnhof in Siegelsdorf. Kannst Du mich abholen?“

Ja natürlich. Das Problem war nur, dass ich niemanden erwartete.

„Wie war der Name bitte?“

„Gott.“ Sagte die Stimme.

Ich dachte nach. Ich kenne keinen Gott. Früher gab es einen Karel Gott, aber von dem weiß ich, dass er sehr krank ist. Krebs oder so. Er stand sicherlich nicht am Bahnhof.

Ich rief hinüber zu meiner liebsten Ehefrau: „Susanne, hast Du einen Gott eingeladen?“

Sie antworte nicht. Das macht sie häufiger. Ich vermute, sie will mich dann nicht verstehen. Vielleicht hatte sie mich aber auch wirklich nicht verstanden. Wir hatten das Haus voller Menschen: Die Kinder waren da und die Enkelkinder und Freunde, mit denen wir immer Weihnachten feiern.

Ich dachte mir, was soll‘s, ob einer mehr oder weniger dabei ist.

Ich sagte zu Gott, ich werde ihn abholen.

Ich zog mir also eine Jacke an, öffnete die Garagentüre, sagte zu meiner Frau, dass ich Gott abholen werde. Aber sie achtete nicht auf mich. Wenn sie von ihren Enkelkindern umgeben ist, kennt sie ihren Mann nicht mehr. Aber ansonsten ist sie die beste aller Ehefrauen.

Als ich im Auto saß, ärgerte ich mich, weil ich ihn nicht gefragt hatte, an was ich ihn erkennen werde. Woher sollte ich wissen wie Herr Gott aussah.

Am Bahnhof war wieder Chaos pur. Ein Bus blockierte die Einfahrt, andere Autos hatten irgendwie abenteuerlich geparkt, holten anscheinend Angehörige, Freunde ab, die alle mit dem Zug um 10.44 Uhr aus Nürnberg ankamen.

Ich hielt hinter der Chaosschlange an und wartete. Geduldig. Es dauerte eine gute Viertelstunde bis sich das Chaos entwirrt hatte und ich nach vorne fahren konnte. Da stand nur noch ein einziger Mann an der Straße, den ich gar nicht so gut beschreiben kann. Er sah irgendwie aus. Einfach irgendwie. Jung und gleichzeitig alt, pausbäckig und gleichzeitig schmal, groß und gleichzeitig klein. Intellektuell und gleichzeitig kantig. Er trug einen Strohhut und darüber einen Heiligenschein.

Ich stieg aus. Begrüßte ihn, frage nach, ob er Gott sei.

„Ja natürlich.“ Sagte er „Ich freue mich auf Dich auf Deine Familie. Joscha und Ida (unsere beiden Enkelkinder) will ich gerne in den Arm nehmen.“

Ich fragte, ob er Gepäck habe. Nein, er reise immer ohne.

Woher er meine Familie kenne.

Er lachte ausgelassen. „Du scherzt mein Junge. Ich kenne alle Menschen bestens.“

Ich überlegte, warum er dann ausgerecht zu mir kam, wenn er alle Menschen kennen würde. Aber ich sagte nichts. Manchmal ist es besser, man hält den Mund.

„Ein schöner Tag heute.“ Er versuchte ein Gespräch in Gang zu bekommen.

Ich zuckte mit den Schultern. Es hatte leicht geschneit, die Straße war glatt, die Sonne schien. Aber auf dem Hinweg hatte ich bereits zwei Unfälle gesehen. Aber nur Blechschaden. Neulich hatte ein irrer Terrorist einen Lastwagen in einen Weihnachtsmarkt gesteuert. In Ost-Aleppo wurden gerade die letzten Menschen massakriert. Ein gewisser Putin sagt, das sei eine (seine) humane Tat gewesen. Und ein gewisser Donald Trump regiert recht eigenwillig Amerika.

Also ein schöner Tag.

„Ich bin nicht schuld.“ Sagte Gott und ich bemerkte, dass er meine Gedanken hatte lesen können. „Ihr Menschen entscheidet so, ihr legt Hand an.“

Ich protestierte. „Gott hat die Menschen gemacht. Daher ist Gott schuld.“

Er brummte. „Ja!?“ Es klang recht zaghaft. „Vielleicht habe ich den Menschen zu viel Selbstbestimmungs-Gene zugesetzt. Das mag richtig sein. Aber das war ja das erste Mal.“

„Was war das erste Mal?“

„Die Erschaffung des Menschen.“

Würdest Du den Menschen jetzt besser hinbekommen?“

„Könnte ich mir vorstellen.“

„Tausch die Menschen doch einfach aus.“

„Das geht nicht so einfach. Gott kann doch keine Rückrufaktion starten. Wie wird das in der Presse ankommen.“

Da kam plötzlich ein dicker Landrover die Straße heruntergeschlittert. Der Fahrer hatte offensichtlich die Herrschaft über sein Auto verloren. Zu schnell, zu glatt. Verdammt. Er schlidderte genau auf uns zu.

Gott hob die Hand und das Auto kam abrupt auf dem eisigen Straßenboden zum Stehen, ohne zu rutschen, ohne zu schliddern.

Ich stöhnte: „Ein Wunder.“

„Nun übertreib mal nicht.“ sagte Gott.

Wir fuhren weiter, saßen stumm nebeneinander.

„Warum kommst Du zu uns?“

„Weil Ihr die Gesegneten seid.“

„Aha.“ Musste ich das verstehen? „Nur wir?“

„Nein alle Menschen. Aber besonders Ihr. Besonders die Menschen in Obermichelbach. Besonders die Menschen in Bayern. Besonders die Menschen in Deutschland. Besonders die Menschen in Europa. Besonders die Menschen in aller Welt.“

„Und was möchtest Du von uns?“ fragte ich vorsichtig.

„Ich wollte mich überzeugen, ob die Menschen hier zufrieden sind.“

Ich zögerte. „Nicht alle.“

„Ihr hattet seit 70 Jahren keinen Krieg mehr. Ihr habt eine tolle Krankenversicherung, die fast alles bezahlt. Ihr habt genug zu essen. Und zu trinken. Nicht nur Wasser, sondern auch Wein oder einen Whisky. Ihr lebt ziemlich sicher. Eigentlich gibt es unter euch wenige gefährliche Irre. Ihr habt ein Dach über dem Kopf und Federkernmatratzen. Und warme Strümpfe. Sogar Hartz IV.“

Ich gluckste leicht.

„Die meisten Menschen auf der Welt wären froh, Hartz IV in Frieden genießen zu können. Ihr habt alles, was Ihr begehrt, aber ihr seid unglücklich.“

„Ich bin nicht ganz unglücklich.“ Druckste ich heraus.

„Ihr solltet Euch freuen, wenn ihr teilen könnt, jedenfalls ein bisschen teilen. Aber ihr schottet Euch ab. Ihr wollt die Flüchtlinge wieder aus dem Land drängen. Damit seid ihr so beschäftigt, dass ihr unglücklich werdet. Ihr habt Angst und seid verzagt.“

Ich bog jetzt in die Straße zu unserem Haus ein.

„Danken und teilen macht glücklich.“

Er hatte den Satz unterstrichen gesagt.

Nun waren wir da. Wir stiegen aus. Ich öffnete die Haustüre. Wir traten ein. Ich sagte zu der gesamten Mannschaft: „Darf ich vorstellen, das ist Gott.“

Aber niemand hörte so richtig hin. Meine Frau trug gerade die gebratenen Hühnerbeine auf und sagte nur, ich solle mich hinsetzen. Sie warten schon alle auf mich.

Ich unterbrach sie: „Aber das hier ist Gott, wollt ihr ihn nicht begrüßen.“

Meine Frau, die liebste Ehefrau, lachte. „Klar, wir beten gleich. Das machen wir doch immer. Wir wollen Gott nicht vergessen.“

Da wurde mir klar, dass nur ich Gott sah.

Ich holte ein Gedeck und schob noch einen Stuhl heran.

„Ich möchte, dass wir für Gott Platz machen.“

Gott nahm Platz. Aber die anderen sahen ihn nicht. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es für sie komisch war, ein leerer Platz, ein leerer Stuhl, ein leerer Teller.

Wir beteten, ja, wie wir es immer machen: „Wir danken Dir, was Du uns bescheret hast.“

„Vergesst nie die anderen Menschen. Vergesst nie, dass die Liebe stärker ist als der Hass. Habt Zuversicht.“

Ich sah wie Gott mich angrinste, ein Hühnerbein auf seinen Teller holte und herzhaft hineinbiss. Die anderen sahen das, leider, nicht.

Ich werde mich später noch intensiv mit ihm unterhalten. Wir werden die Probleme auf der Welt besprechen. Eines nach dem anderen. Aber er sollte zuerst in Ruhe und Zuversicht das Hühnerbein verspeisen.

Ich jedenfalls war sehr froh, dass heute Gott mit uns Weihnachten feierte.

 

 

Allen, die das lesen ein göttliches Weihnachtsfest.

Werner Schwanfelder

1 Kommentar zu Weihnachtsgeschichte: Als Gott mit mir Weihnachten feierte

  1. Wieder mal große Klasse Werner!

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