Haben wir innegehalten?

 

Haben wir gedacht, dass vor 400 Jahren der 30-jähriger Krieg begonnen hat?

2017 war Lutherjahr. Ich bin überzeugter Lutherfan, habe Luther-Bücher geschrieben, Luther-Gottesdienste gemacht und von Luther viel gelernt. Aber ich wollte auch dieses Jahr an ein Ereignis denken, an den 30-jährigen Krieg, weil ich es als eine Nachwirkung Luthers empfinde. Das geschah vor 400 Jahren. Ich war nun leider nicht in der Lage, dies tatkräftig umzusetzen. Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt, ob Luther wohl schuld war, an diesem Krieg. Wohl nicht. Aber ursächlich besteht ein Zusammenhang. Wie immer in der Geschichte – zwischen gut und bös – zwischen besser und schlechter.

 

Die Fakten: Am 23. Mai 1618, also vor 400 Jahren wurden in Prag zwei Gesandte des habsburgischen Kaisers aus dem Fenster geworfen. Sie fielen weich. Auf einen Misthaufen. Der Eklat war dennoch groß. Die (protestantischen) Stände Böhmens, stellten sich gegen den (katholischen) Kaiser in Wien. Nach langen Verhandlungen schien ein Ausgleich möglich: mehr Autonomie für Böhmen, Oberhoheit des Kaisers in Wien. Doch kurz vor einer Vereinbarung starb 1619 der Kaiser. Sein Nachfolger, Kaiser Ferdinand, setzte auf Konfrontation. So beginnen Kriege.

 

(Übrigens: Man kann den 30-jährigen Krieg untergliedern: Krieg um Böhmen (1618-1623); Dänisch-niedersächsischer Krieg (1623-1629); Schwedischer Krieg (1630 bis 1635); Schwedisch-französischer Krieg (1635-1648))
Erst der Westfälische Frieden beendete das jahrzehntelange Morden, Rauben und Sterben 1648 ein Ende. Warum? Weil die Kriegsparteien erschöpft waren, das Land ausgeblutet, niemand gewinnen, niemand verlieren konnte.

 

Wie kann man diesen Krieg verstehen? Vielleicht wenn man sich mit den drei wichtigsten Akteuren beschäftigt:

1. Albrecht von Wallenstein (1583-1634): Der Feldherr des (katholischen) habsburgischen Kaisers in Wien siegte im Krieg gegen Dänemark und hielt stand gegen Schwedens König Gustav Adolf. Er wurde mit dem Herzogtum Mecklenburg belohnt, doch das ging bald verloren. Weil er auf eigene Faust nach einer Friedensverhandlung fahndete, wurde er mit kaiserlicher Billigung ermordet. Wallenstein kann man als “Kriegsunternehmer” bezeichnen. Sprich: Wallenstein handelte auf eigne Faust – und für die eigene Kasse. Nach dem 30-jährigen Krieg setzten die entstehenden souveränen Staaten auf eine feste Armee statt auf Söldner. In unseren Tagen ist der Krieg aber längst wieder privatisiert, wie private Unternehmen wie Blackwater im Irak-Krieg gezeigt haben.

“Der Krieg ernährt den Krieg”, war eine Devise Wallensteins. Sprich: Essen, Material, Geld wurden aus der Bevölkerung vor Ort herausgepresst – Folter, Vergewaltigungen und Kindersoldaten inklusive. Der “Krieg aller Kriege” wird somit zum Vorbild für die Entfesselung der Gewalt im 20. Jahrhundert.

2. Gustav II. Adolf, König von Schweden (1594-1632): Der (protestantische) König von Schweden stieg auf Wunsch und dank finanzieller Förderung des (katholischen) Königs von Frankreich in den Krieg ein. Das zeigt schon: Es ging ihm weniger um den Glauben als um Geld, Macht und Einfluss auf dem Kontinent. Er gewann seine letzte Schlacht, bezahlte dafür aber mit dem eigenen Leben.

3. Kurfürst Johann Georg (1585-1656): “Ich fürchte Gott, liebe Gerechtigkeit und ehre meinen Kaiser“, lautete sein Wahlspruch. Der (protestantische) Kurfürst von Sachsen wollte ein ehrlicher Makler zwischen den Interessen der protestantischen Landesherren und den Erfordernissen des gesamtdeutschen Reiches sein, etwa im böhmisch-habsburgischen Krieg. Dafür musste er teuer bezahlen: Vor allem nach dem Kriegseintritt der Schweden wurde sein Territorium zum Schlachtfeld und verheert. Religion war für ihn (weitgehend) Privatsache, nicht Kriegsverstärker. Eine weise Erkenntnis, auch für unsere Tage.

 

Bilanz: Von Prag nach Syrien

Die Folgen des 30-jährigen Krieges waren verheerend. Knapp die Hälfte der Bevölkerung in Mitteleuropa starb durch den Krieg, Hunger oder Pest. Es folgten gewaltige Einwanderungswellen in die entleerten Gebiete. Der dreißigjährige Krieg ist bis heute eine europäische Katastrophe und ein deutsches Trauma.

Der dreißigjährige Krieg war kein Religionskrieg, wenngleich die Religion den Krieg immer wieder angefacht hat. Es ging im Grunde um imperiale Interessen. Die Priester und Pfarrer (und die Christen) ließen sich für den Krieg einspannen. Vergleichen kann man das mit den evangelikalen Christen, die ihren Trump zur Macht verholfen haben.

Der Krieg bildete aber auch die modernen Territorialstaaten, wie wir sie heute kennen. So im Westfälischen Frieden niedergelegt. Der Staat wurde nach innen und außen souverän. Was vorher ein “Krieg aller gegen alle” war wurde nun ein „Krieg zwischen Staaten“. Die souveränen Staaten beanspruchten für sich in der Außenpolitik das Recht zum Krieg.
Erst nach dem Ende des Kalten Krieges gab es Tendenzen, dieses System zu überwinden. Mit von der UN gebilligten Kriegen etwa. Überstaatliche Institutionen versuchen im Konfliktfall friedenstiftend zu sein. Einen ähnlichen überstaatlichen Ansatz verfolgt heute die EU. Das gleiche gilt für internationale Institutionen wie die Welthandelsorganisation WTO, an der Donald Trump mit seinem Handelsstreit rüttelt. Kooperation, Recht, Institutionen – Multilateralismus wirkt friedenstiftend. Weit gekommen sind wir allerdings nicht.

 

Der Konflikt im Nahen Osten erinnert mich stark an den 30-jährigen Krieg. Die Mechanismen sind recht ähnlich. Wie könnte man die damaligen Lehren auf den Konflikt in Syrien abbilden? Man sollte mehr auf die Mechanismen des Friedens und der Diplomatie zu achten, als auf die gewaltverzerrende Rolle der Religionen. Im Vorderen Orient verläuft die Hauptkonfliktlinie in religiös-konfessioneller Hinsicht zwischen Sunniten und Schiiten. Es ist eigentlich wie im Europa des 17. Jahrhunderts, ein Konflikt innerhalb einer Glaubensrichtung. Aber im Grunde ist auch dieser Krieg ein Machtkampf zwischen Iran und Saudi-Arabien. Aber indem ein Konflikt mit der konfessionellen Frage verbunden wird, bekommt er eine besondere Intensität und Heftigkeit.

Die Bilanz des Westfälischen Friedens lautet also: Frieden ist machbar. Per Vertrag. Dabei ist es sinnvoll, die Religion weitgehend auszuklammern und nach machtpolitischen Interessen zu fragen.

 

Wie betrifft das uns? Syrien ist zwar weit weg, durch die Flüchtlinge allerdings auch ganz nah. Was können wir tun? Wir müssen die demokratischen Strukturen stärken. Wir müssen darauf achten, dass Religion nicht instrumentalisiert wird, wie dies auch die AfD versucht. Wir müssen uns auf jeden Fall eine Meinung bilden und diese vertreten. Und wir können entschieden wählen: bei den Landtagswahlen und bei den Kirchenvorstandswahlen. Ich finde, das ist zu wenig. Aber in meinem letzten Satz muss ich konstatieren, dass ich keine Ahnung habe, wie wir bemerkbar agieren können. Vielleicht hat jemand von Euch/Ihnen eine Antwort.

 

Werner Schwanfelder

1 Kommentar zu Haben wir innegehalten?

  1. Herbert Jäger // 6. September 2018 um 11:13 // Antworten

    Lieber Werner, ein sehr guter Artikel. Es ist wichtig, auch an solche Daten zu erinnern, Bezüge zu heutigen Entwicklungen aufzuzeigen und Schlüsse zu ziehen. Ich freue mich, dass sich bei uns die Kirchen nicht instrumentalisieren lassen und Flagge zeigen. Nicht nur beim unsäglichen Kreuzerlass der Bayerischen Staatsregierung. Beim Fenstersturz zu Prag ist dir bei der Jahresangabe ein kleiner Lapsus unterlaufen. Es müsste heißen 1618.

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