Versicherung oder Glaube

 

 

Da habe ich zunächst einmal den Atem angehalten als ich eine Nachricht in der Süddeutschen Zeitung las. Ein Miron Zuckerman und ein Team von Psychologen hat eine Studie veröffentlicht, die einen Zusammenhang zwischen dem Glauben an einen Gott und der staatlichen Fürsorge herstellt. Das Ergebnis hat mich verwundert (und auch nicht). Je weniger Sicherheit säkulare Instanzen bieten, desto attraktiver ist der Beistand Gottes für die Menschen. Oder einfach umgekehrt formuliert: Wo es einen Wohlfahrtsstaat gibt, sinkt der Bedarf an religiösem Beistand.

Die Autoren waren Amerikaner und in Amerika kann man das gut nachvollziehen. Wir verstehen nicht, warum sich die Amerikaner gegen eine Krankenversicherung wehren, warum sie so viele Schusswaffen benötigen und warum dennoch die USA der beste Staat der Welt sein soll und man auf den lieben Gott auch so irre stolz ist. Weil der Staat seine Bürger – im Vergleich zu Europa jedenfalls – nicht hilft wieder aufzustehen, wenn sie hingefallen sind. Das heißt: Die Amerikaner brauchen mehr Gott als die Europäer.

Die Wissenschaftler um Zuckerman werteten Daten aus, die zwischen 2005 und 2009 für die Gallup World Poll weltweit erhoben wurden. Mehr als 455000 Personen aus 155 Nationen wurden dafür befragt. Sie lebten in Nationen, in denen Christen, Muslime, Hindus oder Buddhisten die Mehrheit der Gläubigen stellten. Aber egal welcher Religion die Menschen anhingen, ihr Glaube war dort im Durchschnitt am stärksten ausgeprägt, wo staatliche Leistungen eher mittelmäßig ausfielen. In den Ländern, in denen sich weltliche Behörden um das Wohlergehen der Bürger kümmerten, suchten weniger Menschen Halt und Hoffnung im Glauben an einen Gott. Also Religionen wirkten dort weniger attraktiv auf die Menschen, wo die Lebensqualität vergleichsweise hoch ist.

Die Wissenschaftler interpretieren ihre Erkenntnisse so, dass Religionen nicht wegen ihrer spezifischen Inhalte für Menschen attraktiv sind, sondern weil sie die psychischen Bedürfnisse stillen. Die meisten Glaubenssysteme bieten ihren Anhängern Halt, ein Gefühl von Kontrolle und Trost im Angesicht der Unsicherheit. Gibt es diese Unsicherheit nicht, verliert der Glaube seine Bedeutung.

Also noch einmal zurück in die USA. Wer keine Krankenversicherung hat, wendet sich eher den Verheißungen der Religion zu, die ihm den Halt gibt, den er bei staatlichen Stellen nicht findet.

Back to Europe: Natürlich wollen wir Christen den Staat stärken. Er soll das Leben der Menschen absichern vom Kindergeld bis zur Rente und von der Krankenkasse bis zur Arbeitslosenversicherung. Aber: Je besser das funktioniert, auch mit unserer Mithilfe, desto weniger Glauben brauchen unsere Bürger.

Ja, logisch. Und was heißt das nun für uns?

2 Kommentare zu Versicherung oder Glaube

  1. Norbert Schindler // 28. April 2018 um 17:53 // Antworten

    Hallo Uli, danke für diesen sehr interessanten Beitrag.
    Materiell gut versorgte Menschen sind anfälliger für Trägheit, das zeigen Aussagen wie “Ein voller Bauch studiert nicht gern”, “Wer satt ist, wird träge und selbstzufrieden”. Das erleben wir auch selber z.B. nach einem ausgedehnten Festmahl. Für mich ist die staatliche Fürsorge eher körperlicher als seelischer Art.
    Aber wie ist es mit dem Sinn des Lebens, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod? Und wo bekomme ich seelischen Trost, Rat, Unterstützung her, wenn es mir nicht gut geht? Als Gläubiger finde ich dies bei Gott und in der Glaubensgemeinschaft, also in der Religion.
    Liebe Grüße, Norbert

  2. Franz Linkfranzlinkomb@t-online.de // 30. April 2018 um 12:36 // Antworten

    Ist zutreffend. Auch bei uns. Wir müssen nur die Jahre nach dem 2. Weltkrieg denken. Die Kirchen waren voll,weil die Not riesengroß war.
    Wachsender Wohlstand in den folgenden Jahrzehnten leerte die Kirchen. Für eine Beziehung mit Gott, dem Helfer und Tröster, bestand keine Notwendigkeit mehr. Materiell geshen.
    Und für die zunehmenden psychischen Nöte gibt es ja
    - “Gott sei Dank” – Psychiater und Gurus.
    Ich halte mich lieber an den, der alles geschsffen und dem alles möglich ist, der mich lient und ernst nimmt und bei dem ich mich bergen darf.
    Franz Link

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