Christ & Welt

 

 

Ich las neulich einen Artikel von Samuel Pfeifer, der einen „christlichen Existenzialismus“ vorstellte. Ich war davon fasziniert, weil er damit genau mein Lebensgefühl getroffen hat. Ich versuche nun, diesen Existenzialismus zu wiederzugeben und meine Auffassung einzuarbeiten. Es entstehen zehn Thesen unter der Überschrift „Christ & Welt“.

Der Existenzialismus wurde geprägt von Heidegger, Jaspers, Sartre, Camus, war also weitgehend atheistisch geprägt. Zusammengefasst kann man ihn so beschreiben: Der Mensch erkennt, dass es keine höheren Werte gibt, keine Mächte, die ihn leiten, keinen Gott. Er ist in seiner Existenz alleine. Er kennt keinen Sinn in seinem Leben, Arbeit und Vergnügungen und Liebe sind nur Tünche seiner Existenz. Er hat die größtmögliche Freiheit, hat aber auch die Verantwortung der Gestaltung. Sartres hat dazu gesagt, er sei „verdammt zur Freiheit“. Eigentlich kein sehr attraktives Lebens-Bild.

Im christlichen Existenzialismus bieten wir Gott einen wichtigen Platz, was zunächst widersprüchlich erscheinen mag. Daraus entstehen zehn Thesen.

  1. 1.       Gott hat die Welt geschaffen.

Wenn man sich mit dem „Wesen“ unserer Welt und unseres Universums beschäftigt, kann man durchaus zu der Überlegung kommen, dass es einen Schöpfer gibt. Wir werden diesen Schöpfer zwar niemals begreifen. Vielleicht werden wir einen Teil seiner Naturgesetze erforschen können, aber den Gesamtüberblick über die Welt und das Leben werden wir nie besitzen. Dieser Schöpfer wird uns immer überlegen bleiben. Wenn wir diesen Schöpfer aber nicht begreifen können, müssen wir uns auch keine Gedanken über ihn, über seine Erscheinung machen. Er ist. In alle Ewigkeit. Damit basta.

  1. 2.       Der Mensch ist vergänglich.

Der größte Unterschied des Menschen zu seinem Schöpfer ist die Vergänglichkeit. Die Existenz des Menschen ist begrenzt. Wir können das Leben vielleicht verlängern, aber wir werden nie unsterblich werden. Dies ist uns Menschen bestens bekannt, also unstrittig. Mit der Geburt bereiten wir uns auf den Tod vor. Diese Tatsache sollte den Menschen zu einer notwendigen Demut führen. (Warum Konjunktiv?) Heidegger sagt, das Dasein sei ein „Sein-zum-Tode“. Finde ich knackig und gut.

  1. 3.       Das Leben beinhaltet Leiden

Selbst der glücklichste, vermögendste, beeindruckendste Mensch leidet. Die Mutter leidet an der Geburt. Der Mensch leidet im Tod. Er leidet an Krankheiten, an körperlichen und seelischen Verletzungen. Leiden ist Teil der Existenz des Menschen. Ich weiß nicht, warum das so sein muss, aber unser Leben beweist dies. Dies schließt natürlich nicht aus, dass wir Menschen uns bemühen können, sollen, müssen das eigene Leid und das Leid anderer Menschen zu verringern.

  1. 4.       Das Leben ist ungerecht.

Politiker setzen sich für Gerechtigkeit ein. Macht das Sinn? Die Menschen sind nicht gleich. Keine zwei Menschen sind gleich. Jeder Mensch ist anders. Die Ungerechtigkeit ergibt sich aus dem Vergleich. Würden wir Menschen nicht vergleichen, gäbe es keine Frage nach Gerechtigkeit. Auch die Gerichte garantieren nicht die Gerechtigkeit, sondern nur das Recht. Insbesondere müssen wir uns von der Annahme lösen, dass gutes Leben zu Wohlstand und schlechtes Leben zu Unglück führt. Ist eine Krankheit gerecht oder ungerecht? Wir sollten die Ungerechtigkeit im Leben annehmen. Dies schließt natürlich nicht aus, dass wir Menschen uns bemühen können, sollen, müssen die Taten unseres Lebens gerecht auszurichten und für die Gerechtigkeit gegenüber anderen Menschen einzustehen. Damit macht es Sinn, für Gerechtigkeit einzutreten.

  1. 5.       Angst ist Teil unseres Lebens.

Aus der Vergänglichkeit des Menschen, aus der Akzeptanz von Leiden und aus der Ungerechtigkeit des Lebens speist sich die existenzielle Angst. Es gibt Grenzsituationen des Lebens, die eine abgrundtiefe Angst auslösen. Vielfach ist der Mensch in so einer Situation überfordert. Er braucht Unterstützung (siehe These 10). Eine eher funktionale Angst führt uns aber auch zur Vorsichtigkeit. Wir vermeiden zu große Risiken. Manche Ängste sind eingebildet und damit unnötig. Wenn man gründlich nachdenkt und auch Wahrscheinlichkeiten einbezieht kann man sich von mancher Angst lösen. Wir Menschen sollten also die Angst akzeptieren, aber sie nicht unser Leben dominieren lassen.

  1. 6.       Unsere Freiheit fordert unsere Verantwortung.

Der Mensch muss seine Vergänglichkeit, das Leid und die Ungerechtigkeit akzeptieren. Alles darüber hinaus kann er frei gestalten. Somit kann er das Leid erträglich machen, die Ungerechtigkeit verringern und die Vergänglichkeit hinausschieben. Und natürlich umgekehrt. Er kann also frei handeln, trägt aber für dieses Handeln auch die Verantwortung. Freiheit trifft auf ihre Grenzen, wenn sie das Wohl von anderen einschränkt. Aber selbst die Akzeptanz der Grenzen, der Leitlinien des menschlichen Zusammenlebens unterliegt der Freiheit.

  1. 7.       Der Mensch braucht Beziehungen

Der Mensch hat in seiner geschichtlichen Entwicklung nur überlebt, weil er sich als Gemeinschafts-Mensch entwickelt hat. In der Gemeinschaft hat der Mensch mehr Chancen zu überleben und besser zu leben. Einzelgänger sind out. Beziehungen bedeuten aber auch Engagement. Für Beziehungen muss man sich einsetzen. Das bedeutet: auf andere zugehen, andere annehmen, den menschlichen Kontakt akzeptieren und fördern.

  1. 8.       Die Liebe ist die Kernkompetenz des Menschen.

Die Beziehungen des Menschen wachsen und gedeihen durch die Liebe. Beziehungen ohne Liebe gibt es nicht. Die Liebe ist in ihrer Ausprägung jedoch sehr vielfältig. Sie ist dem Menschen angeboren. Schon mit der Geburt erlebt der Mensch die Liebe seiner Mutter. Diese Liebeserfahrung sollte er nie verlieren. Er sollte sie entwickeln und dann an andere Menschen weiterzugeben. Von Liebe darf niemand ausgeschlossen sein. Liebe richtet sich meistens an einen anderen, aber auch sich selbst soll der Mensch lieben. Die Grenzen der Liebe liegen jedoch auch in der Freiheit, sie abzulehnen.

  1. 9.       Der Sinn des Lebens.

Der Sinn des Lebens setzt sich aus den bisherigen Thesen zusammen. Eigentlich kennt der Existenzialismus keinen Sinn im Leben. Und in der Tat kennen wir den göttlichen Sinn unserer Existenz nicht. Aber sehr wohl haben wir die Freiheit, einen Lebens-Sinn zu definieren und zu leben. Er könnte lauten: Beziehungen aufbauen, diese Beziehungen mit Liebe füllen. Und schließlich: das Leid erträglich machen, die Ungerechtigkeit verringern und die Vergänglichkeit hinausschieben.

  1. 10.   Die Hoffnung in der Transzendenz

Bisher haben wir den Menschen als rationales Wesen beschrieben, der mit beiden Beinen in der Gegenwart steht. Den Menschen zeichnen aber noch ganz andere Eigenschaften aus, wie Sehnsucht, Hoffnung, Empfinden, vielleicht zusammengefasst Empathie. Anders ausgedrückt: die surreale Existenz eines persönlichen Gottes. Das ist eindeutig ein Widerspruch: Obwohl wir Gott nicht verstehen können, dürfen wir uns Gott vorstellen. Obwohl Gott der unbegreifliche unnahbare Schöpfer ist, dürfen wir die Hoffnung haben, dass er in unsere Welt eingreift. Wir dürfen hoffen, dass er Sinnloses mit Sinn erfüllt. Die Widersprüchlichkeit wird erträglich, wenn wir das Handwerkszeug Gottes erwähnen: die Menschen. Göttliches Wirken erfolgt in den meisten Fällen durch Menschen, die eben das Leid erträglich machen, die Ungerechtigkeit verringern und die Vergänglichkeit hinausschieben. Und plötzlich ergibt sich ein Wunder.

Und welche Aufgaben haben die Kirchen?

Die Kirchen sind Teil der Gesellschaft. Sie bieten zusammen mit den Staaten, den Sportvereinen, den Unternehmen und anderen Institutionen den Rahmen des Lebens für die Menschen. Sie bieten Versammlungsraum, um Beziehungen zu leben, Liebe zu entwickeln. Die Menschen haben die Freiheit, das Angebot wahrzunehmen oder auch nicht. Das kirchliche „Personal“ (alle die sich als „gläubig“ beschreiben) hat einen großen Einfluss, wenn es Beziehungen fördert, Liebe entwickelt, Angst verringert, Leid verkleinert, Ungerechtigkeit bekämpft. In der Historie hat sich „die Kirche“ nicht bewährt. Und auch heute scheint die Kirche häufiger Problem als Lösung zu sein. Islamische Glaubensgemeinschaften heizen die Kriege an, die orthodoxe Kirche unterstützt russische Großmachtambitionen, evangelikale Christen haben in USA maßgeblich den Präsidenten gewählt. Die katholische Kirche hat sich schon lange disqualifiziert. Aber auch die evangelische Kirche ist nicht frei von Missbrauch.

Einen christlichen Existenzialismus muss man vom Menschen her denken. Er führt zu neuen Prägungen und auch neuen Organisationsformen. Er kann auch Kirche „renovieren“. Und schließlich tragen wir Menschen (jeder einzelne) die Verantwortung für die Gestaltung unseres Lebens.

 

Werner Schwanfelder

 

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