Kirche, Religion und Glaube (Teil 3)

 

Prozesse der Wohlstandsanhebung üben einen negativen Einfluss auf die Vitalität von Religionsgemeinschaften, religiösen Praktiken und Überzeugungen aus. Das hängt vor allem damit zusammen, dass durch den mit der steigenden Wirtschaftskraft einhergehenden Ausbau des Konsumsektors mehr und mehr nicht-religiöse Freizeit- und Unterhaltungsangebote bereitstehen, die zu den kirchlichen Angeboten in Konkurrenz geraten. Aufgrund der wachsenden Einkommen können sich immer mehr Menschen die säkularen Waren- und Freizeitangebote leisten, wodurch der Wettbewerbsdruck auf die kirchlichen Angebote steigt. Ob es sich um Formen von Geselligkeit und Gemeinschaft, um Lebensdeutungen und Weltinterpretationen, um heilpraktische und psychologische Betreuung und Beratung oder um die Feier von biographischen Übergängen handelt, stets stehen neben den Angeboten der Religionsgemeinschaften säkulare Alternativen bereit, und nicht selten erscheinen den Menschen diese attraktiver, so dass sie sich statt für die kirchlichen für die säkularen Angebote entscheiden.

Die gesellschaftlichen Bereiche wie etwa der Wirtschaft, der Politik, der Erziehung oder des Rechts verselbständigen sich. Für Religion und Kirche hat dies zur Folge, dass ihre Weltdeutungen und Werte von den Menschen nicht mehr so ohne weiteres für nichtreligiöse Bereiche als relevant angesehen werden. Religiöse Werte sind im täglichen Leben vielfach entbehrlich. Die Folge ist, dass Menschen der Bereich der Religion als nicht mehr so bedeutsam erscheint. Verglichen mit Beruf, Familie, Freizeit, Politik nimmt der Bereich von Religion und Kirche den geringsten Stellenwert ein.

Wenn aber die Menschen einer Intervention von Kirche und Religion in andere Lebensbereiche häufig skeptisch gegenüberstehen und der Religion zugleich keine große Bedeutung in ihrem eigenen Leben zuerkennen, dann wird die soziale Position von Religion prekär. Den Menschen ist die Kirche gleichgültig geworden, sie brauchen keine Religion mehr. Die Menschen gehen nicht zum Gottesdienst, weil ihnen die Predigt nicht zusagt oder der Gesang der Kirchenlieder oder die Atmosphäre im Gottesdienst, sondern weil sie am Sonntag anderes zu tun haben, ausschlafen wollen, oder meinen, auch ohne Kirche Christen sein zu können. Viele Menschen haben vielleicht gar nicht vor, der Kirche den Rücken zu kehren, anderes aber zieht sie oft stärker an, so dass im Ergebnis die Kirchenbindung zurückgeht.

Wir beobachten eine Individualisierung. Sie kann als ein Prozess verstanden werden, in dessen Verlauf die selbstbestimmten Anteile in der Biographie der Menschen zunehmen und die fremdbestimmten abnehmen. Die Kirchen sind von den Prozessen der Individualisierung insofern betroffen, als die Betonung individueller Selbstbestimmung häufig mit einer besonderen Skepsis gegenüber institutionellen Vorgaben und einer Distanz zu Gemeinschaftsformen einhergeht. (Aber ähnliche Probleme haben auch Sportvereine, Parteien, Gewerkschaften…)

Welche Schlüsse lassen sich aus den religionssoziologischen Erklärungen der reli­giösen Veränderungen für das kirchliche Handeln ziehen?

These eins: Besser werden

Der negative Zusammenhang zwischen Wohlstandsanhebung und kirchlich-religiöser Bindung spricht dafür, dass die Kirche alles tun muss, um ihr Handeln zu professionalisieren und attraktiv zu gestalten. In der Ausrichtung von Feiern und Riten, in der seelsorgerlichen Begleitung von Menschen in Not, in der diakonischen Hilfe, in der Ausdeutung der Sinnbezüge des Lebens, im Angebot von Gemeinschaft und Geselligkeit muss sie konkurrenzfähig sein und den säkularen Alternativen Gleichwertiges an die Seite stellen können.

These zwei: Gesellschaftliche Entwicklungen aufnehmen und begleiten

Weiterhin muss die Kirche darauf achten, gesellschaftlich nicht isoliert zu werden. Sie müsste also auf die Verbreiterung ihrer Kontaktflächen zur Gesellschaft Wert legen und trotz aller Ausrichtung auf die religiöse Kernfunktion eine Vermischung mit anderen, nicht-religiösen Funktionen anstreben. So würde es sich für das kirchliche Handeln anbieten, die Flüchtlingsarbeit, die Armenfürsorge, die Bildungsarbeit (Schulen, Kindertagesstätten), die Alltagshilfe, auch Besuchsdienste und Fahrdienste sowie die Alleinerziehendenarbeit zu stärken und Kunst-, Literatur- und Musikangebote, Lesungen, Filmprojekte, Klinikseelsorge (Grüne Damen und Herren) oder auch die Bahnhofsmission auszubauen. Kontaktverbreiterung lässt sich natürlich auch erzielen, indem säkulare Kommunikationsformen im Raum der Kirche angesiedelt werden, wenn also etwa Popmusik im Gottesdienst erklingt, wenn vor dem Gottesdienstraum ein Kaffeeshop eingerichtet wird und während des Gottesdienstes Kinderbetreuung angeboten wird, wenn das Gemeindehaus für soziale Anliegen und öffentliche Angelegenheiten geöffnet (Gemeindebibliothek, Verein, Heimatstube), also multifunktional genutzt wird oder Konfessionslose in die Arbeit von Kirchbauvereinen einbezogen werden.

These drei: Kommunikation intensivieren, Laien aktivieren

Religiöse Vorstellungen gewinnen, wie wir gesehen haben, an Überzeugungskraft, wenn der Einzelne sie mit anderen teilt, wenn er am Gottesdienst teilnimmt und rituelle, institutionelle, gemeinschaftliche und personelle Stützung erfährt. Wenn es richtig sein sollte, dass kirchliche Bindungen und Individualisierung in einem Spannungsverhältnis zueinanderstehen, dann wird Kirche nicht gut beraten sein, Individualisierungsprozesse voranzutreiben. Verweigern kann sie sich ihnen allerdings auch nicht. Für kirchliches Handeln käme es daher darauf an, individuelle Ansprüche und gemeinschaftliche Einbindung miteinander zu verknüpfen. Durch die Stärkung folgender Formen des kirchlichen Handelns ließe sich eine solche Verknüpfung herstellen: durch die Erhöhung von Gelegenheiten zur Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, durch die aktive Einbeziehung von Laien in die Gestaltung des Gottesdienstes, z.B. als Lektor, bei der Ankündigung von Veranstaltungen oder auch beim Sprechen von Gebeten, durch die Organisation von Hauskreisen, die Gelegenheit zum Dialog und zur individuellen Entfaltung bieten, durch die Förderung von Teamarbeit sowie durch die Schaffung von Knotenpunkten, die als Treffpunkte von Professionellen und ehrenamtlichen Laien dienen.

These vier: Seelsorge und Verkündigung ist und bleibt die Kernkompetenz der Kirche

Die Meinung, man könne auch ohne Kirche gläubig sein, ist zwar weit verbreitet. Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich zum Glauben an Gott bekennt, in der Kirche jedoch weitaus höher als außerhalb von ihr. Die kirchlich Verantwortlichen müssen sich bewusst sein, dass die Menschen der Kirche bedürfen, auch wenn sie sie zu ihr auf Distanz gehen und meinen, sie für ihren Glauben nicht zu benötigen. Kaum jemand ist religiös auf der Suche. 8% der Deutschen denken über den Sinn des Lebens sehr oft nach, 27% oft. Die Mehrheit tut das nicht. So wird die Kirche die individuellen Ansprüche auf religiöse Selbstbestimmung zwar einerseits ernstnehmen müssen, andererseits sollte sie sich von ihnen aber auch nicht abhängig machen. Wenn sie Raum für Individualisierung gewährt und zugleich Gemeinschaftlichkeit pflegt, z.B. durch eine besondere Familienfreundlichkeit oder durch die Organisation von Hilfsaktionen und die Pflege zwischenmenschlicher Solidarität, kann sie ein Resonanzraum für individuelle Selbstbestimmungsansprüche und Gemeinschaftsbedürfnisse sein und als solcher in die Gesellschaft ausstrahlen. Seelsorge dürfte eine entscheidende Kernkompetenz der Kirchen sein.

These fünf: Die Kirche muss sich einmischen

Die Kirche ist nach wie vor eine wichtige Instanz in dieser Welt. Deshalb muss sie sich auch mit Mehrheitsmeinungen auseinandersetzen. Indem die Kirche Mehrheitsstimmungen und verbreitete Meinungen aufgreift, kann sie sich aber auch zum Sprecher dieser Stimmungen machen oder eine andere Meinung vertreten. Die Kirche wird gut beraten sein, genau danach zu fragen, welches die die Menschen berührenden Fragen, welches ihre Nöte und Probleme sind. Nur wenn sie an den Denkhorizont der Menschen anknüpft, kann sie ihre Botschaft so transportieren, dass sie bei ihnen ankommt. Die Kirche und ihre Mitglieder müssen sich also auch in politischen und gesellschaftlichen Debatten engagieren.

 

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*