Kirche, Religion und Glaube (Teil 2)

 

Empirische Befunde

Beschäftigen wir uns zuerst mit der Kirchenzugehörigkeit. Empirisch lässt sich festellen, dass die Kirchenzugehörigkeit 1950 von 95% auf 68% 2010 in Westdeutschland zurückgegangen ist. 2015 waren es nur noch 56%. Weiterhin muss man konstatieren, dass der Protestantismus, der im Wilhelminischen Deutschland einst die Leitkultur bildete, in den Status einer Minderheitskonfession abgerutscht ist. Die stärksten Verluste musste die evangelische Kirche hinnehmen. Aus einer protestantischen Mehrheit wurde innerhalb von 60 Jahren ein Bevölkerungsanteil von weniger als einem Drittel. Dabei gab es keine Einwirkungen durch ein diktatorisches Regime mit politischer Repression. Im Gegenteil: Die kirchenpolitischen und kirchenrecht­lichen Verhältnisse in der Bundesrepublik waren seit ihrer Gründung durch Kirchen- und Religionsfreundlichkeit gekennzeichnet.

Bei den Kirchenaustritten fällt auf (in den letzten 60 Jahren), dass die Kirchenaustrittsrate auf ein immer höheres Niveau steig. Das deutet darauf hin, dass der Erosionsprozess der Kirchen mit einer zunehmenden Geschwindigkeit verläuft und möglicherweise sogar eine gewisse Eigendynamik besitzt. Doch warum treten die Menschen aus der Kirche überhaupt aus? Hauptgrund (die Befragung bezieht sich auf die evangelische Kirche) ist die Vermeidung von Kirchensteuer. Die Kirche ist ihnen gleichgültig und fremd geworden sei. Kaum eine Rolle spielt der Ärger über den Pastor und andere kirchliche Mitarbeiter und auch nicht der Ärger über kirchliche Stellungnahmen (Denkschriften, Orientierungshilfen).

Wichtiger ist schon, dass man mit dem Glauben nichts mehr anfangen kann und Religion für sich selbst für entbehrlich hält. Die relevante Motivation ist die individuelle Distanz zur Institution Kirche und zur Religion insgesamt.

Als unchristlich will man sich trotz des Kirchenaustritts allerdings nicht verstehen. Neben der Kirchensteuer kommt als Austrittsgrund, dass man der Meinung ist, man kann auch ohne Kirche christlich sein. Im Osten vertritt man diese Ansicht nicht. Grund für den Austritt sind Entfremdung vom Glauben und die Nutzlosigkeit von Religion. Es gibt im Osten keinen christlichen Wertehorizont.

Umgekehrt befragt man die Kirchenmitglieder, warum sie in der Kirche seien, antworten die meisten, weil ihnen der christliche Glaube etwas bedeute und sie religiös seien. Die Möglichkeit zu sinnvoller Mitarbeit spielt als Mitgliedschaftsgrund hingegen kaum eine Rolle.

Unterscheidet man zwischen Gottesdienstbesucher und eher passiven Kirchenmitgliedern, so sind für letztere für den Verbleib traditionale Gründe wichtig. Man ist Kirchenmitglied, weil sich das so gehöre oder weil die Eltern auch in der Kirche waren oder sind. Die große Zahl der Kirchenmitglieder, die am kirchlichen Leben nicht teilnehmen, aber aus der Kirche auch nicht austreten, ist also vor allem durch traditionale Motive mit der Kirche verbunden. Für die Gottesdienstbesucher sind solche Gründe kaum wichtig.

 

Auch wenn man nicht der Kirche angehört, hat man durchaus Erwartungen an die Kirche. Mehr als die Hälfte der Konfessionslosen sagen, die Kirche sollte Arme, Kranke und Bedürftige betreuen und sich um Menschen in Notlagen kümmern. Etwa die Hälfte der Konfessionslosen erwartet von der Kirche, dass sie Gottesdienst feiert. Sie selbst haben jedoch nicht vor, an den kirchlichen Veranstaltungen teilzunehmen. In diesem Sinn wird die Aufgabe der Kirchen definiert in der diakonischen Tätigkeit und religiösen Kommunikation. Die Beschäftigung mit politischen Fragen und Problemen des Arbeitsalltags wird ihr hingegen kaum zugebilligt.

Gemäß empirischen Untersuchungen ist der Gottesdienstbesuch ein guter Indikator für die ausgeübte religiöse Praxis und die individuelle Reli­giosität.

Der Gottesdienstbesuch der Katholiken lag im Jahr 1952 noch bei über 50%, blieb auf diesem Niveau bis 1965 und fiel bis 2012 auf 23%. (Von den 16-29jährigen besuchen den Gottesdienst nur noch 4%.) Die Protestanten hatten 1952 einen Gottesdienstbesuch von 13%, der stieg bis 1965 auf 15% und sank bis 2012 auf 8%. Von den Jugendlichen geht nur noch 1% (!) zum Gottesdienst.

Da der Kirchgang heute von den älteren Menschen getragen wird, kann man davon ausgehen, dass der Kirchgang auch in Zukunft weiter fallen wird, und dieser Rückgang dürfte sich zukünftig wohl sogar noch beschleunigen.

Überraschend ist vielleicht auch dieses Ergebnis: Auf dem Land ist der Gottesdienstbesuch höher als in der Stadt. Unter Personen mit Hochschulreife ist der Anteil der Gottesdienstbesucher höher als bei denen ohne Hochschulreife. Außerdem ist es von Bedeutung, ob und wie viele Kinder man hat. Wer von den Evangelischen vier Kinder hat, weist eine 50-prozentige Chance auf, den Gottesdienst mindestens einmal im Monat zu besuchen, wer kein Kind hat, aber nur eine 17-prozentige. Wichtig ist auch, mit wem zusammen die Menschen in die Kirche gehen: 94% von ihnen sagen, dass sie mit dem (Ehe-)Partner in den Gottesdienst gehen; mit der Familie gehen 64%, mit Freunden und Bekannten aber nur 36%, mit Nachbarn 21% und mit Arbeitskollegen sogar nur 6%. Wer als Evangelischer in einer Gegend wohnt, in der überwiegend Evangelische wohnen, neigt stärker zum Gottesdienstbesuch als der, bei dem das nicht der Fall ist.

Der Gottesdienst ist nicht nur theologisch, sondern auch kirchensoziologisch die zentrale kirchliche Veranstaltung, die die Kirchenmitglieder zu binden vermag, sofern sie sich überhaupt auf die Kirche einlassen. Andere kirchliche Aktivitätsformen spielen kaum eine selbstständige Rolle. Es gibt keinen Ersatz für die Gottesdienste. Dabei ist es schon sehr interessant, dass der Weihnachtsgottesdienst in den letzten vier Jahrzehnten nicht gefallen, sondern angestiegen ist: Er hält sich seit Jahren in etwa auf dem gleichen Stand, in Westdeutschland bei etwa 30% der evangelischen Kirchenmitglieder und in den östlichen Gliedkirchen bei etwa 50%. Die hohen Besucherzahlen zu den Weihnachtsgottesdiensten weisen wiederum auf die besondere Bedeutung der Familie für die Bereitschaft zur Inanspruchnahme kirchlicher Angebote hin, denn zu den Christvespern und Metten am Heiligen Abend geht man nicht allein, sondern im Kreis seiner nächsten Angehörigen.

Auch wenn sich die Kirchenmitglieder in der evangelischen und katholischen Kirche mehrheitlich nicht intensiv am kirchlichen Leben beteiligen, so sind die kirchlichen Rituale (Kasualien) wie Taufe oder Beerdigung doch stark nachgefragt. Etwa 90% der Kinder, von denen mindestens ein Elternteil evangelisch oder katholisch ist, werden in Westdeutschland getauft (Evangelische Kirche in Deutschland 2009). Die Bestattungsrate beträgt bei den Katholiken über 90%, bei den Evangelischen 85% (Evangelische Kirche in Deutschland 2011).

Der Grund, warum die Menschen nicht stärker am kirchlichen Leben teilnehmen, liegt nicht so sehr darin, dass sie an der Kirche sehr viel stört, dass sie sie ablehnen und kritisieren. Vielmehr ist ihnen das Engagement in der Kirche nicht so wichtig. In der Zeit des Gottesdienstes gibt es Dinge zu tun, auf die es ihnen mehr ankommt: Ausschlafen, Zeitung lesen, der Besuch von Freunden, ein Ausflug mit der Familie, die Erledigung liegen gebliebener Arbeit. Unter allen Gründen, warum die Menschen nicht zur Kirche gehen, ist der, dass sie den Gottesdienst für ihren Glauben als unwichtig einschätzen, der wichtigste, gefolgt von dem, dass sie am Wochenende ausspannen wollen. Offenbar gehören beide Motive zusammen. Man hält den Gottesdienst für den eigenen Glauben für entbehrlich und hat anderes, das man als wichtiger einschätzt, zu tun. Demgegenüber ist es nur eine Minderheit, die sich durch die Predigt, den Gesang der Kirchenlieder oder die Atmosphäre, die in der Gemeinde herrscht, davon abgehalten fühlt, am Gottesdienst teilzunehmen.

Nicht nur die Kirchenbindung, sondern auch der Glaube an Gott ist seit Jahrzehnten rückläufig. 1949 gaben noch knapp 90% der deutschen Bevölkerung an, an Gott zu glauben, Inzwischen hat sich der Anteil der Gottesgläubigen auf einen Wert deutlich unter der Marke von 70% eingependelt (ebd.).

Festzustellen ist: Wie die Beteiligung am kirchlichen Leben und die Kirchenmitgliedschaft schwächt sich auch der Glaube an Gott ab, allerdings in einem geringeren Tempo.

Doch nicht nur die Verbreitung des Gottesglaubens ist zurückgegangen; mit dem Rückgang hat sich auch eine Veränderung der dominanten Form des Gottesglaubens vollzogen. Immer mehr Menschen glauben nicht mehr an einen persönlichen Gott, sondern an eine höhere Macht oder ein höheres geistiges Wesen. In Westdeutschland glauben inzwischen sogar mehr an ein höheres Wesen als an einen persönlichen Gott.

Hinzufügen muss man noch, dass gemäß anderen Studien 25% der Westdeutschen angeben, sie würden zumindest etwas daran glauben, dass Amulette, Steine oder Kristalle hilfreich sein könnten. 12% erklärten, sie würden an die Wirksamkeit von Magie, Spiritualismus und Okkultismus glauben, und 18%, sie würden an Astrologie und Horoskope glauben.

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