Kirche, Religion, Glaube (Teil1)

 

Ich habe auf den Kirchentag Prof. Dr. Detlef Pollack kennengelernt. Er ist Religionssoziologe. Er hat einen Vortrag gehalten, der mich sehr beeindruckt hat. Ich habe weiter in seinen Schriften gestöbert und seine Aussagen zusammengefasst.

Man kann schon feststellen, dass wir es in Deutschland mit einem Entkirchlichungs- und Säkularisierungsprozess zu tun haben. Wie erklärt die der Soziologe?

(Ich schreibe dies am Pfingstsonntag, eigentlich einem wichtigen christlichen Feiertag. Zum Gottesdienst haben sich in der Heilig Geist Kirche 20 Personen eingefunden.)

Die Säkularisierungstheorie besagt, dass die Religion in modernen Gesellschaften ihre einst zentrale Stellung eingebüßt hat und der Prozess der Modernisierung einen letztlich negativen Einfluss auf die Vitalität von Religionsgemeinschaften, religiösen Praktiken und Überzeugungen ausübt. Das bleibt nicht unwidersprochen. Angeführt werden die religiöse Renaissance in Osteuropa, der charismatische Aufbruch in Lateinamerika, das Kirchenwachstum in Südkorea sowie die religiöse Vitalität in den USA. Auch kirchliche Massenevents wie die evangelischen Kirchentage, der Weltjugendtag oder der Katholikentag haben eine große Anziehungskraft. Hinzu kommt ein boomendes Interesse an Esoterik, Spiritualität und Okkultismus.

These: Je besser es den Menschen geht, desto weniger benötigen sie Kirche, Religion und Glaube.

Im Unterschied zur Säkularisierungstheorie nimmt die Individualisierungstheorie nicht an, dass die umfassenden Umwälzungsprozesse in der Moderne zu einem Bedeutungsverlust von Religion führen. Vielmehr geht sie davon aus, dass Religion in den Prozessen der Modernisierung der Gesellschaft lediglich ihre dominanten Erscheinungsformen wandle.

Während früher Religion in den Kirchen institutionalisiert gewesen sei, löse sich der Zusammenhang zwischen Religiosität und Kirchlichkeit in der Moderne zunehmend auf. Das Verhältnis des einzelnen zur Religion habe sich aus der Vormundschaft der großen religiösen Institutionen befreit und obliege zunehmend der Verfügungsmacht des Individuums. Heute bestimmten nicht die Kirchen, was der einzelne glaubt, vielmehr entscheide jeder selbst über seine weltanschauliche Orientierung.

Natürlich spielt für viele das Christentum noch eine Rolle, und auch wenn der einzelne an seiner Zugehörigkeit zur Kirche festhalte, gewinne seine Glaubenspraxis den Charakter von Selbstbestimmtheit und Individualität.

These: Jeder bestimmt selbst, was er, wo und mit wem er glaubt.

Die Vertreter der ökonomischen Markttheorie, die insbesondere in den USA verbreitet ist, gehen davon aus, dass sich die Vitalität des Religiösen in Abhängigkeit vom Grad der Konkurrenz zwischen religiösen Angeboten verändert: Je pluralistischer der religiöse Markt sei und je mehr Konkurrenz zwischen den einzelnen religiösen Anbietern herrsche, desto stärker seien die einzelnen Religionsgemeinschaften herausgefordert, ihren Service zu verbessern, um ihre Klientel zu halten und neue Kunden zu gewinnen.

Besitzen religiöse Gemeinschaften in einer Region dagegen das Monopol, tendiert der Klerus dazu, faul und nachlässig zu werden und an den aktuellen Bedürfnissen der Menschen vorbeizugehen.

Die wichtigsten Bedingungen für die Entstehung eines religiösen Wettbewerbs bestehen den Markttheoretikern zufolge in der strikten Trennung von Staat und Kirche und der rechtlichen Gleichstellung der Religionsgemeinschaften. Nur wenn der Staat sich aus religiösen Angelegenheiten weitgehend heraushalte und keine Kirche gegenüber anderen bevorzuge, sei ein fairer Wettbewerb garantiert, in dem sich der Stärkere durchsetzen könne.

These: Je mehr Religionen und Kirchen, desto mehr Menschen glauben.

Das sind nur drei Theorien. Stimmen sie mit unseren Erfahrungen überein? Welche Meinung haben wir? Im zweiten Teil geht es um empirische Befunde. Und im dritten Teil geht es um die Ableitungen für Kirche, Religion und Glaube.

 

(Werner Schwanfelder)

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*