Was vor 500 Jahren alles geschah…

 

 

Immer nur Luther. Aber wirklich nicht. Vor 500 Jahren geschah weit mehr. Die Welt wurde neu erfunden. Manches davon hat Auswirkungen bis heute, wie Luther eben.

 

Politisch ist der gesamte Kontinent plötzlich in Bewegung. Die Machtkräfte sortieren sich neu. Um 1517 herum.

Es beginnt der Aufstieg des Hauses Habsburg zur europäischen Hegemonialmacht. Gleichzeitig stoßen die Osmanen von Kleinasien nach Süden vor, bezwingen das Mamlucken-Reich und erobern den Weg auf die Arabische Halbinsel und an die nordafrikanische Küste. Die Veränderung der Kraftlinien in dieser Region können wir heute noch erkennen: Während der Habsburgerkaiser Karl V. die christliche Rittertradition aufnimmt und als christlicher Statthalter gegen die inneren wie äußeren Feinde der Kirche zu Felde zieht, greifen die Sultane der Osmanen nach dem Kalifat, das mit dem Sturz der Mamlucken brachliegt. Wie Erneuerung der Tradition des osmanischen Kalifats bedeutet eine weltgeschichtliche Weichenstellung und ist der Reformation durchaus vergleichbar: Sie festigt bis heute die osmanisch-sunnitische Vorherrschaft des “wahren Islams” und ermöglicht einen permanenten Kampf mit den schiitischen Bevölkerungsgruppen. Das schiitische Persien versinkt in der Bedeutungslosigkeit; die Sultane erkämpfen sich die Gleichstellung mit Papst und Kaiser.

In der europäischen Staatenwelt gärt es ebenso. Könige und Fürsten bauen ihre Staaten aus, gehen dabei nicht zimperlich vor. Und bringen die älteren, vorstaatlichen Kräfte gegen sich auf: Adel und Ritterschaft etwa, aber auch das Stadtbürgertum und die Bauern. Widerstand, Aufruhr und Rebellion liegen überall in der Luft. Wohlgemerkt: Luther hätte die Bauernkriege nicht verhindern können, aber er drückte auf den Auslöser.

Europa durchlebt eine Phase endemischer Kriege, die technisch anspruchsvoll geführt werden, hohe Opferzahlen erfordern und teuer werden. Die Untertanen müssen mehrfach bluten, auch fiskalisch. Gleichzeitig droht ein gefährliches Stocken von Wirtschaft und Handel. Die Mehrzahl der Menschen, Bauern wie Städter und Teile des Adels, sehen sich in der Existenz bedroht.

 

In solchen Zeiten melden sich die Philosophen zu Wort, durchaus widersprüchlich. Während Erasmus von Rotterdam sein bald berühmtes Friedenstraktat Querela Pacis (Klage des Friedens) vorlegt und er sich gegen die Kriegsdynamik wendet und die Staaten und ihre Lenker auf den Frieden des “gemeinsamen Hauses” des Christentums festzulegen versucht, .arbeitet der Florentiner Niccolò Machiavelli an seiner Abhandlung Il Principe (Der Fürst). Die egoistischen Kräfte, die Erasmus bändigen will, legitimiert Machiavelli. Nicht Moral, sondern Nützlichkeit soll das Handeln bestimmen.

Damit nicht genug: Aus der Feder des englischen Staatsmanns Thomas Morus erscheint fast zeitgleich der fiktive Reisebericht Utopia über die gute gesellschaftliche und politische Ordnung auf einer fern im fremden Ozean liegenden Insel – ein radikaler Gegenentwurf, eine nicht glaubbare Vision zur europäischen Realität.

 

Aus heutiger Sicht behaupten wir, dass in dieser Zeit der Geist von Renaissance und Humanismus entsteht. Das haben die meisten Menschen damals nicht verinnerlicht. Sie leben noch in der rauen Welt des Mittelalters. Bei vielen weckt der Wandel tiefe Ängste. Sie bangen um ihre Zukunft – um ihr Schicksal in dieser Welt, vor allem aber um ihr Seelenheil im Leben nach dem Tod, von dem nahezu alle Menschen überzeugt sind. Gebannt beobachten sie den Himmel und suchen die umgebende Natur nach Vorzeichen und Omen ab. Die Hilfen und Heilszusagen, die ihnen die Kirche bietet, ergreifen sie begierig – Bußübungen, Fasten und Beten, Pilgerreisen und Wallfahrten, die Fürsprache der Heiligen, nicht zuletzt Ablässe, die immer wilder ins Kraut schießen. Doch sie wirken nur wie Heilpflästerchen und steigern die Sehnsucht nach religiöser und kirchlicher Erneuerung nur noch. An dieser Stelle greifen Luther und seine Mitstreiter mit einem religiösen Gegenentwurf in die Geschichte ein.

 

Im traditionellen europäischen Geschichtsbewusstsein denkt man häufig, dass die Reformation der Anfang der Neuzeit ist, insbesondere dieses Jahr 1517.

Richtig bleibt, dass mit Luthers Gnadenlehre die Vision einer neuen Sicherheit in die Welt kommt, die selbst Intellektuelle wie Albrecht Dürer als Befreiung “aus großen Ängsten” erleben. Aufklärung und Moderne sind damit aber nicht eingeläutet. Wie seine Zeitgenossen ist Luther Lichtjahre von Lessing und dessen Vision, dass die Weltreligionen friedlich nebeneinander existieren können, entfernt.

Und gerne vergisst man auch, dass trotz aller päpstlichen Blockadepolitik ein Reformprozess auch bei den Altchristen eingesetzt hat. In Spanien hat sich die Geistlichkeit neu formiert. Im Sommer 1517 wird eine die Reformschrift, die Complutensische Polyglotte zum Abschluss gebracht, eine vierbändige, man könnte sagen kommentierte, Bibelausgabe. Und in Italien wird das evangelismo, publiziert, gedacht als durchaus fortschrittliche Richtschnur des christlichen Lebens. Viele Renaissancekünstler unterstützen diese Entwicklung und bringen sie in ihre Kunst ein: Lorenzo Lotto, Botticelli, auch Michelangelo. Der 1513 gekürte Papst Leo X. arbeitet seit seiner Thronbesteigung an den Entwürfen neuer Bibelübersetzungen und volkssprachlichen Gottesdiensten. Eine neu gegründete Bruderschaft des Oratoriums der göttlichen Liebe sucht nach neuen, lebendigen und ehrlichen Formen christlicher Existenz und stellt dabei, ganz ähnlich wie der Wittenberger, die göttliche Gnade in den Mittelpunkt.

 

Aber all diese Entwicklungen waren noch nicht „reif“. Erst mit Luthers Ablassthesen erfolgt die öffentliche Auseinandersetzung. Die Versäumnisse beider Seiten lösen letztendlich eine Rebellion aus, und entwickelt sich die tief im Mittelalter gründende Reformbewegung zu zwei alternativen Bewegungen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Was in Wittenberg geschieht, gefolgt von Zürich und Genf, sprengt das bisherige gesellschaftliche System. Auf der anderen Seite: der papsttreue Reformweg, der im Trienter Konzil den neuzeitlichen Katholizismus begründet. Beide Entwicklungen haben Europa tief geprägt.

 

In diesen Jahren werden weiterhin die geistigen Grenzen Europas gesprengt. Die europäische Gesellschaft wird mit einer neuen Welt konfrontiert, kommt in Kontakt mit fremden Kulturen. Auf Yucatán treffen die spanischen Konquistadoren auf Maya und Azteken. Die Portugiesen nehmen Kontakt auf mit dem seit Jahrhunderten verschlossenen Reich der Mitte. Und ein Gesandter des Habsburgerreiches bereist das fast ebenso unbekannte Russland.

1517 hat sich das politische und leider auch militärische Aktionsfeld der Europäer deutlich ausgeweitet. Der Krieg wird in die Welt getragen, aber es findet auch eine Erweiterung des Wissens statt. Eine Flut von Informationen über Geografie, Flora und Fauna der neu erschlossenen Welträume sowie über die dort lebenden Menschen und deren Kulturen schwappt nach Europa.

Für rasche Verbreitung nicht nur religiöser Theorien, sondern auch weltlicher Information sorgen Buchdruck und Druckgrafik; die neuzeitlichen Naturwissenschaften blühen auf.

 

Doch seien wir ehrlich. So klar, wie eben geschildert, ist nur unsere Sicht aus der Gegenwart in die Vergangenheit. In Europa bleiben die Menschen einem magischen oder kosmischen Weltbild verhaftet. So ist es nicht zu verwundern, dass eine Epidemie der Hexenverbrennungen das Land heimsucht.

Und der Reformator? Er ist nicht aufgeklärter. Er glaubt nach wie vor, dass der Blitzschlag vor Stotternheim ein Gotteszeichen war. Zeit seines Lebens fürchtet er den Satan und glaubt an „okkulte“ Methoden. Das Vordringen der Europäer in ferne Welten, die Debatten über Weltpolitik und Expansion von Handel berühren ihn kaum. Luther ist kein Weltbürger. Und auch wenn er 1517 den Übergang in die Neuzeit mit vorbereitet: Noch ahnt er nichts von der epochalen Wirkung seines Tuns, noch ist seine Wittenberger Welt klösterlich und klein. Erst in der Rückschau treten die großen Linien, die langfristigen Entwicklungen zutage.

 

Wenn wir uns nun mit dem Jahr 2017 beschäftigen stellen wir mit einigem Erschrecken gewisse Parallelitäten fest. Heute scheint der Rückwärtsgang eingelegt zu sein. Die Idee Europas wird zerpflückt. Die Populisten treten in den Vordergrund. Nicht Zusammenarbeit steht auf der Tagesordnung, sondern Abgrenzung. Staaten und ihre Lenker denken plötzlich, dass ein isoliertes Vorgehen erfolgreicher sei. Völker werden zu Entscheidungen befragt, die die Bürger in ihren Konsequenzen gar nicht überdenken können. Die Religionen spielen kaum noch eine Rolle, und die Reformationsdekade dient eher dem Tourismus als der geistigen Besinnung.

Befinden wir uns vielleicht wieder in so einer wichtigen Epoche unseres Erdenlebens? Keiner kann dies beantworten. Vielleicht wird man in 500 Jahren beurteilen können, ob die Weichen in diesem Jahr 2017 richtig gestellt wurden oder nicht.

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