Hat die Religion in Deutschland noch Zukunft? Teil 2

 

(Ich habe Informationen von Zeitungsartikeln und Studien zusammengetragen. Es ist also eine Informationssammlung und weitgehend keine Meinungsäußerung. Der Leser kann aber seine Meinung äußern. Bitte treten Sie in den Dialog ein.)

In einer Studie habe ich gelesen, dass die christlichen Kirchen in Deutschland anscheinend kaum noch einen Einfluss auf ihre eigene Entwicklung nehmen können. Äußere Faktoren sind maßgeblich und nicht beeinflussbar. Weiterhin: Der Grund, warum die Menschen nicht stärker am kirchlichen Leben teilnehmen, ist nicht der, dass sie an der Kirche so viel stört. Vielmehr ist ihnen das Engagement in der Kirche nicht so wichtig. Der Glaube hat kaum noch Relevanz für das Alltagsleben und die Grundhaltungen der Menschen. In hoch entwickelten Gesellschaften, so die Studie, gebe es einfach zu viele andere Möglichkeiten zur Betätigung und zur Lebensgestaltung.

Im 19. Jahrhundert hatten wir ein anderes Lebensgefühl. Insbesondere die katholische Kirche widersetzte sich der Säkularisierung, indem sie sich um das gesamte Leben ihrer Anhänger kümmerte: Kolpingvereine, Wallfahrten und Bildungsaktivitäten. Das heißt, die Kirche organisierte Lebensbereiche, die an sich mit dem Gottesglauben wenig zu tun hatten. Daraus ergab sich eine hohe Religiosität.

Man kann dies in anderen Kulturkreisen beobachten. Im heutigen Russland ist eine erstarkende Religiosität festzustellen, weil die orthodoxe Kirche sich nationalistisch und politisch gibt und Funktionsdefizite anderer Bereiche, wie Bildung, Wohlfahrt ausgleicht.

In Brasilien bieten die boomenden Pfingstkirchen den Armen die Aussicht auf sozialen Aufstieg durch Glaubensfestigkeit und Alltagsdisziplin. Und in den USA sind die Evangelikalen stark, weil sie den Menschen Netzwerke alltäglicher Gemeinschaft bieten und überdies das politische Feld religiös besetzen.

Die China garantieren die christlichen Kirchen ein größeres Maß an Freiheit als die Gesellschaft.

Werden jedoch diese Ziele, also zum Beispiel die angestrebten beruflichen und sozialen Erfolge erreicht, geht die Beteiligung am kirchlichen Leben zurück.

Solchen Einfluss erlangten die Kirchen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals waren die Kirchen die einzigen Institutionen, mit denen man die Katastrophe der Nazizeit überwinden konnte. Die Kirchen hatten auch einen großen Anteil daran, das DDR-Regime zu überwinden. Damals waren die Kirchen übervoll. Das ist alles vorbei. Es gibt keine großen politischen Katastrophen in Deutschland. Die Traditionen und die Familienstrukturen wurden lockerer und der Bildungsaufschwung führte zu einem größeren Selbstbewusstsein.

Man muss anerkennen, dass die Kirchen mit der gesellschaftlichen Stabilisierung viel Erfolg hatten. Man kann sagen: Die Kirchen haben in Deutschland “vieles richtig gemacht”, aber genau deshalb sind sie heute weniger attraktiv. Wenn Religion stark ist, weil sie außerreligiösen Bedürfnissen entspricht, wird sie schwächer, wenn diese Bedürfnisse erfüllt sind. Das ist einleuchtend.

Die katholische Kirche musste in den Sechzigerjahren in den USA feststellen, dass mit dem Erreichen der angestrebten beruflichen und sozialen Erfolge die Beteiligung am kirchlichen Leben zurückging. Ähnlich war es auch in Südkorea in den Neunzigerjahren. Dort traf es die Protestanten.

Die Gegenmaßnahmen der Kirchen zeigten sich bisher recht erfolglos. Das gilt für die Re-Traditionalisierung der katholischen Kirche unter Papst Benedikt XVI. Auch der erfolgreiche und beachtenswerte Reformprozess in der evangelischen Kirche konnte den Trend nicht umkehren.

Auch die glaubensfesten Freikirchen und Evangelikalen in Deutschland können die Entwicklung nicht aufhalten. Ihre Mitgliederzahlen stagnieren auf niedrigem Niveau und sinken zum Teil ebenfalls. Die Wissenschaftler sprechen von “parasitärer Anlagerung”. Die Freikirchen erschließen nicht neue Milieus, sondern bedienen sich bei den Mitgliedern der Volkskirchen. Den Trend beeinflussen sie nicht. Auch Esoterik und Okkultismus sind keine gesellschaftlich relevanten Religionsalternativen zu den Kirchen.

Nun gibt es die These, dass das Christentum stärker werde, wenn es nur noch in einer Minderheit mit umso größerer Leidenschaft gepflegt wird. Wenn man als Kriterium für innere Glaubenstreue den Gottesdienstbesuch heranzieht, stellt man fest, dass eben der innere Schrumpfungsprozess nicht abgenommen, sondern stärker gewachsen ist.

Das zeigt der Anteil der Gottesdienstbesucher an den Kirchenmitgliedern. Besuchten 1952 noch 51 Prozent der damals sehr vielen Katholiken regelmäßig einen Gottesdienst, so waren es 2012 bei einer kleineren Gesamtzahl aller Kirchenmitglieder nur noch 23 Prozent. Bei den protestantischen Kirchgängern schrumpfte der Kirchgängeranteil im selben Zeitraum von 13 auf acht Prozent.

Das bedeutet nichts Anderes als dass die Zahl der Mitglieder (Kirchensteuerzahler) sich nicht so schlecht entwickelt hat wie die Zahl der Gläubigen (Kirchenbesucher). (Wobei es natürlich keine echte Definition von „Gläubigen“ gibt.)

Man kann annehmen, dass die inaktiven Mitglieder noch dabei sind, weil die Kirchen weiterhin ein hohes Ansehen genießen. Zudem ist es den Menschen wichtig, kirchlich bestattet zu werden und ihre Kinder taufen zu lassen.

Was könnte man nun ändern? (Da werden die Aussagen sehr dünn.)

Die Schlussfolgerungen der Studien besagen, dass Aufrufe zu vehementen Glaubensbekenntnissen wenig bringen, sondern die Kirchen versuchen müssen, “nah an die Menschen” zu kommen.

Also in Nachbarschaften oder in die Familien erkennbar werden. Das beginnt bei Seelsorge, über Nachbarschaftshilfe, zu Hauskreisen.

Weiterhin soll sich das Geselligkeitsangebot stärker am realen Leben der Menschen orientieren. (Was kann dies heißen?)

Man wird auch über die Form der Gottesdienste nachdenken müssen. Diesen Denkprozess muss jedoch jede Gemeinde selbst anstoßen und umsetzen. Zu befragen sei der innere Kreis der Gemeinde-Christen, also die Mitarbeiter, die Kirchenvorstände. Warum kommen Sie in den Gottesdienst? Oder warum kommen Sie nicht in den Gottesdienst? Wie müsste Gottesdienst gestaltet sein, damit er für Sie attraktiv wäre.

(Werner Schwanfelder)

1 Kommentar zu Hat die Religion in Deutschland noch Zukunft? Teil 2

  1. Susanne.Schwanfelder // 5. September 2016 um 10:02 // Antworten

    In unserer vom Zuzug junger Familien geprägten Ort spiegelt sich die sehr klar und übersichtlich zusammengefasste Situation der christlichen Kirchen weltweit. Danke dafür, Werner. Aus einer stark wachsenden freien ev. Gemeinde habe ich dazu die Antwort bekommen: wir müssen die Jugendlichen in ihrer Sprache erreichen und ihnen ermöglichen, was in der Gesellschaft fehlt: Verbindlichkeit, Zugehörigkeit, echte Gemeinschaft und moderne Gottesdienste mit aller Technik. Dazu gut ausgebildete Jugendpastoren…. Dafür geben die sehr viel Geld aus.
    Unser Kirchenvorstand ist da stark gefragt!

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*