Die Zukunft der Religion (Schluss)

 

 

Bei „Männer reden“ haben wir uns darüber ausgetauscht, interessant diskutiert. Einige Erkenntnisse will ich versuchen zu fixieren. Die Aussagen betreffen nur unser Erfahrungsgebiet, also den deutschen Raum. In vielen Ländern gibt es sicherlich andere Entwicklungen.

 

Wir müssen zunächst feststellen, dass es uns heute in Deutschland so gut geht wie nie zuvor. Das Pro-Kopf-Einkommen, die gesundheitliche Versorgung, die Lebenserwartung, der Freizeitwert, die Beschäftigungslage… Die Statistiken sprechen eine eindeutige Sprache. Und, bitte nicht vergessen: Wir hatten seit über 70 Jahren keinen Krieg und wir haben die Trennung in zwei deutsche Staaten überwunden. Dennoch kann es natürlich individuelle Schicksale geben. Natürlich gibt es auch in Deutschland Armut. Aber in Vergleich zur Welt ist unsere Armut eine Luxus-Armut.

Eigentlich müssten wir glücklich sein, aber wir sind ängstlich geworden und verzagt. In Pegida äußern sich diese Ängste, in der AfD melden sich Nicht-Wähler zu Wort. Von einem Aufbruch sind wir weit entfernt.

 

Wäre Aufbruch nicht ein Auftrag für die Religion? Es geht im Folgenden nicht nur um Kirche. Religion kann auch kirchen-los sein. Aber natürlich verbinden wir in unserer Erfahrung Religion sehr eng mit Kirche.

 

Religion und Glaube sind auf dem Rückzug. Ich habe dies in den vorhergehenden Berichten beschrieben. Nach einer Umfrage können sich in Deutschland die 18- bis 34-Jährigen zu 80% ein Leben ohne Gott, zu 70% ein Leben ohne Auto, zu 52% ein Leben ohne Kinder vorstellen.

(Übrigens: Religion ist Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen, deren Grundlage der jeweilige Glaube an bestimmte transzendente (überirdische, übernatürliche, übersinnliche) Kräfte ist.)

Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass Religion das Miteinander der Menschen regelt und die Religion sich als Gesetzgeber (aufgrund religiöser Werte) entwickelt hat. Religion hat eine lange Tradition und bestimmt somit das Wesen eines jeden Menschen. Die Kirche hat über Jahrhunderte damit das Miteinander geregelt und die Gesetze entwickelt. Darüber hinaus auch den Glauben definiert und durchgesetzt.

An dieser Stelle sehen wir die Veränderung. Über die Tradition werden zwar noch die Regeln des Miteinanders und damit die Gesetze bestimmt, aber der Glaube gerät immer mehr in die Verantwortung und Gestaltungsfreiheit des Individuums. (Gut so, haben wir geklatscht.) Aber damit fungiert „Kirche“ nicht mehr als homogene Gruppe. Der individuelle Glaube geht von „ich glaube an die Heilige Schrift Wort für Wort“ bis „ich glaube an einen abstrakten Gott“. Aufgrund so einer Bandbreite wird Gemeindearbeit schwierig. Es stellt sich die Frage, welche Glaubenden sprechen wir an, wollen wir ansprechen.

Das war vielleicht früher auch schon so. Aber man hatte Ausweichfelder. Der CVJM zum Beispiel war bekannt für seine Sportarbeit und hatten darüber (was ja eigentlich nichts mit Glauben zu tun hat) Gruppen gebildet.

Wir halten fest: Die Kirche, die Gemeinden sehen sich einer heterogenen Glaubensvielfalt der potenziellen Gemeindeglieder gegenüber.

Wenn wir uns nun überlegen, wie wir von der Kirche/Gemeinde angesprochen werden wollen, dann haben die einen Sehnsucht nach einer spirituellen Gruppe, andere nach einem intellektuellen Arbeitskreis, wieder andere nach einem diakonischen Projekt. Die einen wollen einen traditionellen Gottesdienst, die anderen einen Spiritual-Event. Es gibt auch noch Menschen, die an Traditionen festhalten und ein Sonntagsgottesdienst zu ihrer Tradition gehört.

Die Tendenz scheint jedoch zu sein: Die Traditionen verlieren an Bedeutung, die individuellen Bedürfnisse treten in den Vordergrund. Der Gottesdienst als Basisveranstaltung der Gemeinde ist überholt. Dennoch scheint die Ansprache, der Zuspruch, die Anteilnahme ein Bedürfnis von Gemeinde zu sein (auch als Gruppenerlebnis). Vielleicht sollte man sogar wagen, den Sonntagsgottesdienst abzuschaffen und auf neue, kreative Lösungen zu hoffen.

 

Die Ansätze für eine neue Gemeinde.

Aufbau einer Kerngemeinde, die nur aus Mitarbeitern besteht. Jeder erhält eine Aufgabe, jeder verpflichtet sich für eine gewisse Zeit, diese Aufgabe zu erfüllen. Diese Kerngemeinde trifft sich regelmäßig (wie häufig?) zu Lobpreis, Anbetung und Arbeitsbesprechung. Der Kirchenvorstand ist der innerste Kreis dieser Mitarbeitergemeinde, der die Mitarbeiter eng begleitet.

Die Mitarbeiter bieten der Gemeinde ein unterschiedliches Portfolio an. Seit McKinsey wissen wir, dass wir uns um unsere Hauptaufgabe kümmern sollen, um die Verkündigung, um die Liebe. Also Sportarbeit muss nicht zum Angebot gehören. Aber Sportler können sich selbstverständlich im Pfarrgarten auch treffen. Da gibt es zunächst die sich wiederholenden, regelmäßigen Gruppen: Traditionelle Hauskreise vielleicht sogar in Form eines traditionellen Gottesdienstes. Intellektuelle Diskussionsforen bei Wein und Nüsschen. Gesangsgruppen von Chor bis Band bis Sing-Gottesdienste.

Ergänzt werden solche Gruppen durch Event-Veranstaltungen, in denen Themen präsentiert werden. Hier ist auf Qualität und Kreativität zu achten. Gemeinden müssen nicht so perfekt sein wie das Fernsehen, aber gut schon.

Wichtig ist dabei, dass wir unser Hauptaufgabe nachkommen, Glaubensunterstützung zu geben. Der Glaube ist aber individuell. Niemand kann für seinen Nächsten glauben. Jeder hat eigene Glaubensinhalte. Unterschiedliche Glaubensinhalt dürfen nicht zu Konflikten führen.

Die Kommunikation muss modernisiert werden. WEB-Seiten, Newsletter, Facebook-Einladungen, Twitter-Meldungen müssen zum Handwerkszeug gehören. Auf Plakate wollen wir aber dennoch nicht verzichten. Und auch nicht auf das persönliche Wort. Wie kann ich meine Nachbarn ansprechen, auf Gemeinde aufmerksam machen? Viele Christen haben Angst vor der Werbung (oder vor dem Bekennen?). Das könnte man schulen. Alle sechs Jahre bietet sich die Wahl des Kirchenvorstandes an. Warum nicht alle potenziellen Wähler besuchen, die Gemeinde vorstellen, die Kandidaten beschreiben und aufklären, welche Funktion ein Kirchenvorstand eigentlich hat.

 

Fazit: (nach über zwei Stunden) Wir haben manches erreicht. Kultur in der Kirche, Der Andere Gottesdienst, Sing and Pray, Hauskreise. Aber man kann noch mehr entwickeln. Und eines fehlt auf jeden Fall, eine Kreativgruppe, die sich über Fragen der Gemeindeentwicklung und ihre Umsetzung mehr Gedanken macht (so etwas wie ein Maxi-GEA).

 

Warum wir uns dafür einsetzen sollten? Weil die Religion für den Menschen wichtig ist, wie Essen und Trinken. Weil ein Mensch ohne Religion nicht leben kann. Weil wir unsere Religionserfahrung weitergeben müssen.

(Werner Schwanfelder)

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