Hat die Religion in Deutschland noch Zukunft? Teil 1

 

(Ich habe Informationen von Zeitungsartikeln und Studien zusammengetragen. Es ist also eine Informationssammlung und weitgehend keine Meinungsäußerung.

Der Leser kann aber seine Meinung äußern. Bitte treten Sie in den Dialog ein.)

 

Religion ist irgendwie „in“. Die Katholiken freuen sich über einen Papst Franziskus, dem die Herzen zufliegen, der seine Kirche neu repräsentiert: bescheiden, väterlich und kapitalismuskritisch. Die Protestanten begehen ihr Reformationsjubiläum und sogar in Ostdeutschland ist Luther in aller Mund. In der Flüchtlingskrise haben sich beide Kirchen als Anwälte der Heimatlosen und Schwachen profiliert, ihre Sozialarbeit wird geschätzt. Seitdem die Gesellschaft mit dem Islam konfrontiert ist, verspürt man auch Erleichterung über die christlichen Wurzeln des Abendlandes.

Aber der Trend geht aber woanders hin. Im vergangenen Jahr sind 182 000 Menschen aus der katholischen und 210 000 aus der evangelischen Kirche ausgetreten. 2014 haben sogar fast eine halbe Million Menschen den beiden großen Kirchen den Rücken gekehrt. Das hatte auch mit dem neuen Einzugsverfahren bei der Abgeltungssteuer zu tun. 1990, im Jahr der deutschen Wiedervereinigung, hatte die katholische Kirche 28,5 Millionen Mitglieder, die evangelische 29,4 Millionen. 2015 gab es noch 23,8 Millionen Katholiken und 22,3 Millionen Protestanten. Der demografische Wandel, die Austritte, haben den Kirchen innerhalb einer Generation zwölf Millionen Mitglieder gekostet.

Noch dramatischer ist die Situation in der Organisation Kirche. Nur noch 58 Männer ließen sich im vergangenen Jahr in Deutschland zum katholischen Priester weihen; 1990 waren es noch 295. Wir kennen angeblich die Gründe. Weil der Zölibat abschreckt und Frauen sowieso nicht dürfen. Die evangelische Kirche hat jedoch ebenso Nachwuchssorgen.

Die Zahl der kirchlichen Beerdigungen übersteigt in beiden Kirchen die Zahl der Taufen, die Zahl der Trauungen hat sich seit 1990 mehr als halbiert. Das Glaubenswissen nimmt ab. Wenn man Umfragen nach Glaubenswissen folgt, muss man erschrecken. Ein guter Teil der Christen glaubt an die Reinkarnation, und viele wissen nicht mehr, ob sie sich an sieben oder zehn Gebote halten sollen.

Was heißt das? Die Säkularisierungsprozesse in Deutschland gehen weiter, unabhängig davon, wie viele Menschen hierzulande den Papst bewundern oder das Reformationsgedenken gut finden. Vor zehn Jahren startete die evangelische Kirche in Deutschland einen umfassenden Reformprozess. Durchaus erfolgreich. Die Kirche präsentiert sich seitdem selbstbewusster in die Öffentlichkeit. Den Trend konnte das nicht beeinflussen. Auch sie hat eine Menge Mitglieder verloren. Der Osten Deutschlands ist inzwischen nach Tschechien die am stärksten säkularisierte Region Europas, obwohl es dort ohne mutige Christen 1989 keine friedliche Revolution gegeben hätte.

Viele Studien zeigen auf, dass die Bindungskräfte an die großen Kirchen nachgelassen haben: Man versteht sich irgendwie als Christ, hat aber kein leidenschaftliches Verhältnis zum Glauben mehr. Die meisten sind keine Kirchenfeinde, sie werden auch selten zu engagierten Atheisten, Humanisten, Buddhisten oder Esoterikern. Der Glaube ist ihnen einfach weniger wichtig. Auf den Punkt gebracht: Das bisschen Glauben, das man benötigt, „macht“ man sich selbst. Die Erfüllung findet man in Familie, Partnerschaft, Beruf, Freizeit, Sport oder Hobbys.

Die Kirchenmitgliedschaft wird für viele zum Gegenstand der Kosten-Nutzen-Analyse: Lohnt sich das? Was habe ich davon? Und viele stellen fest, dass es sich nicht mehr lohnt. Die sozialen Kosten für den Austritt sind inzwischen meist niedrig. Niemand regt sich darüber auf. Eine Mehrheit stellt fest: Ich glaube nichts – und mir fehlt auch nichts.

 

Dieser Prozess hat, mal mehr und mal weniger stark, ganz Westeuropa und die Vereinigten Staaten erfasst; in Ländern wie Frankreich oder Irland ist die Zahl derjenigen, die sich als religiös bezeichnen, innerhalb von sieben Jahren um mehr als 20 Prozentpunkte zurückgegangen. Aber natürlich gibt es Regionen mit nach wie vor hoher Kirchenbindung wie die Gegend um Passau oder das Münsterland. Daneben gibt es Gegenden in Ostdeutschland, in denen nur noch jeder Zehnte Mitglied einer Kirche ist. Das ist in Regionen, in denen die Säkularisierung schon mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann; 40 Jahre DDR haben den Prozess beschleunigt. Plötzlich stellt man fest, dass der Islam zur mitgliederstärksten Religionsgemeinschaft wird.

 

Aus Umfragen wird auch noch ein anderes Bild sichtbar: Es gibt das faktisch nichtgläubige Paar, das nur deshalb kirchlich heiratet, damit die Großeltern zufrieden sind; und es gibt den Ausgetretenen, der irgendwie doch an Gott glaubt und täglich betet.

Es gab eine Theorie unter Soziologen, dass in modernen Gesellschaften der Glaube quasi von allein verschwindet, erst bei den Gebildeten in den Städten, zuletzt bei den Hinterwäldlern auf dem Land. Das hat sich als falsch erwiesen. Die Religiosität ist vor allem bei den Armen und weniger Gebildeten verschwunden. Bei den besser Ausgebildeten, Etablierten ist sie dagegen überdurchschnittlich stabil. Vielfach gehört die Kirchenmitgliedschaft sogar zur ordentlichen Bürgerlichkeit.

Religiosität wird wohl eine gewisse Bedeutung behalten. Aber welche Religiosität? Waren die Leute zu Martin Luthers Zeiten tatsächlich frommer, als viele ungebildete Pfarrer das Vaterunser nicht aufsagen konnten und der Aberglaube blühte? Wie säkular waren schon im 19. Jahrhundert die Industriearbeiter? Was bedeutet Religiosität, wenn sie durch Strafen, Sanktionen erkauft war? Wie haben wir die Hinwendung zur Religion in Kriegszeiten einzuschätzen? Wie bewerten wir eine Religion wie in Polen, in der die katholische Kirche über 100 hauptberufliche Exorzisten beschäftigt?

(Ein verwunderlicher Vergleich: Polen zählt zu den „kirchlichsten“ Ländern, Tschechien zu den Ländern mit der wenigsten Religion. Zwei Nachbarländer mit einer kommunistischen Vergangenheit. Wäre interessant, darüber nachzudenken.)

Vielleicht ist die Säkularisierung nur eine Normalisierung und Entwicklung hin zu einer aufgeklärten und modernen Religiosität: Wem Glaube und Kirchenmitgliedschaft nicht wichtig sind, der geht irgendwann. Und wem es wichtig ist, der bleibt bewusst und aus Überzeugung in der Kirche. Die größte Errungenschaft wäre damit, dass man freiwillig glauben darf.

Die Soziologen sind der Meinung, dass die Religion aus Deutschland und Europa nicht verschwinden wird. Aber dass wir, die Gesellschaft ein neues Verhältnis zwischen Religiosität und Säkularität finden müssen. Und eines ist mit Sicherheit festzustellen: Die Christen in der nächsten Generation sind nicht mehr die Mehrheit im Land. Mit großer Sicherheit aber werden die christlichen Kirchen die mit Abstand größten Institutionen bleiben, die wichtigsten Träger der Zivilgesellschaft und auch des kulturellen Erbes. Das Abendland wird christlich bleiben, selbst wenn die Hälfte seiner Bewohner konfessionslos ist und jeder zehnte ein Muslim. Die Denkweisen sind und bleiben abendländisch und christlich geprägt. Das kann man daran auch erkennen, dass selbst die weitgehend konfessionsfreie Pegida-Bewegung aus Dresden sich der Rettung des christlichen Abendlandes verschrieben hat – auch wenn sie vermutlichen von den christlichen Inhalten wenig Ahnung hat.

Das „Christlich sein“ wird anders werden: vielfältiger, weniger stabil, sicher auch konfliktreicher. Für den Staat und die Politik wird das heißen, ein neues Verhältnis zu den Religionen zu finden. Für die Kirchen wird es heißen, dass immer weniger ihre institutionelle Macht zählt, sondern das, was sie sagt, wie sie auftritt, wie glaubwürdig die Christen sind.

 

(Werner Schwanfelder)

 

 

1 Kommentar zu Hat die Religion in Deutschland noch Zukunft? Teil 1

  1. Heinz-Jörg Müller // 30. August 2016 um 9:52 // Antworten

    Dies ist eine sehr informative Bestandsaufnahme, die sehr zum Denken anregt.Der Trend ist aus meiner Sicht nicht umkehrbar. Hintergrund ist meines Erachtens unsere Wohlstandsgesellschaft, in der Erfolg, Selbstverwirklichung, Geld, Aussehen und “Spaß” wichtig sind. Parallel dazu ist – bei aller mir eigenen Weltoffenheit und Toleranz – ein Werteverfall zu beobachten, der sich nicht nur, aber beispielhaft in der öffentlichen Sexvermarktung zeigt. Wundert es da, wenn Muslime glauben, hier unsere Dekadenz ablehnen zu müssen (was selbstverständlich in keiner Weise Gewalt rechtfertigt)?

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