Islamische Klärungen

Vorbemerkung: Es ist schwierig, in heutigen Krisenzeiten eine Mein ung zum Vorderen Orient zu bilden. Ich habe lange Zeit auch immer Sunniten und Schiiten durcheinander gebracht. Aber ich glaube, es ist höchste Zeit, dass wir uns damit beschäftigen. Wir müssen zu einer wie auch immer gearteten Meinung kommen.

Ich bin kein Experte oder Kenner. Aber ich habe aus verschiedenen Quellen Material zusammengestellt und versuche die Begriffe Sunniten, Schiiten, Wahabiten und Alawiten zu klären. Das mag nicht fehlerfrei sein.

Werner Schwanfelder

 

Islamische Klärungen

 

Warum haben sich Sunniten und Schiiten entzweit?

Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten entwickelte sich bereits zu Lebzeiten Mohameds. Als der Prophet 630 in Mekka einzog, nützte er seinen persönlichen Triumph nicht aus. Er verzieh den Menschen, die ihn zwei Jahrzehnte lang beschimpft, verfolgt und bekämpft hatten. Er gab ihnen die Freiheit, statt sie nach Stammesrecht zu versklaven. Er nahm ihnen nur das Versprechen ab, den Islam nicht mehr zu bekämpfen.

Die Bewohner von Mekka traten daraufhin zum Islam über. Doch nicht alle waren überzeugt. Insbesondere die Angehörigen des führenden Stammes der Umayyaden empfanden die Niederlage als Schmach.

 

Als Mohamed 632 starb, hinterließ er keine Anweisungen, wer die umma (= die von ihm gegründete Gemeinschaft) nach ihm führen sollte.
Dabei bildeten sich im Wesentlichen zwei Meinungen heraus: Einige favorisierten, dass das Kalifat in der Familie des Propheten bleiben sollte, andere wollten, dass der Kalif gewählt werden sollte.
Die ersten beiden (gewählten) Kalifen Abu Bakr (gest. 634) und Umar ibn Al-Khattab (gest. 644) gehörten zu den engsten Vertrauten des Gesandten Gottes. Sie hielten die Umayyaden von Machtpositionen fern, weil sie ihnen nicht vertrauten.

Dennoch war der dritte Kalif Uthman ibn Affan (gest. 656) Umayyade, aber auch Muslim frühster Stunde. Er wollte eine Versöhnung zwischen Umayyaden und Islam herbeizuführen. Viele Muslime warfen ihm jedoch Vetternwirtschaft und Korruption vor. Außerdem gab es viele Unruhen im moslemischem Land, denn es war zu schnell gewachsen, eine entsprechende Verwaltung konnte nicht aufgebaut werden. Dder Zorn der Massen richtete sich gegen den Mann an ihrer Spitze: Uthman ibn Affan. Schließlich wurde der Kalif 656 in seinem eigenen Haus ermordet.
Nun richteten sich die Hoffnungen der Muslime auf Ali ibn Abi Talib. Er gehörte zu den ersten Muslimen, war ein enger Vertrauter des Gesandten Gottes und war verheiratet mit dessen Tochter Fatima, die sechs Monate nach ihrem Vater verstarb. Er galt also als Familienmitglied.
Schließlich nahm er die Wahl an. Ali versprach eine gerechte Sozialpolitik ohne jegliche Vetternwirtschaft. Den Mördern seines Vorgängers verzieh er.

Auch das blieb nicht ohne Folgen, führte sogar zum Krieg. Der erste muslimische Bürgerkrieg fand zwischen 656 und 661 statt. Es ging nicht um Religion, sondern um die Machtfrage im islamischen Reich. Im Wesentlichen bekämpften sich vier Parteien:

- Die Umayyaden.
- Die Anhänger Alis, die Schiat Ali.
- Die Kharidschiten, eine Splittergruppe aus der Gefolgschaft Alis, die sich allerdings erst im Laufe des Krieges bildeten.

- Eine Gruppe um die Witwe von Mohamed, Aischa (gest. 678), die man grundsätzlich den Umayyaden zurechnen kann, aber die diese trotzdem bekämpften.

Der Krieg verlief im Wesentlichen in folgenden Etappen: Die Anhänger Alis besiegten die Aischa-Krieger. Ali versuchte mit den Umyyadan nach längeren Kämpfen sich friedlich zu einigen. Dies führte in seiner Mannschaft zu Widerstand. Eine Gruppe von ca. drei- bis viertausend Soldaten wandte sich ab und bildeten die Partei der Kharidschiten.
Fortan überzogen die Kharidschiten den Irak mit ihrem Terror und töteten jeden Muslim samt Familienanhang, der sich nicht zu ihnen bekannte.

Alis Truppen besiegten schließlich die Kharidschiten. Deren Überlebende gingen in den Untergrund. Einer von ihn ermordete schließlich Ali 661 vor seiner Moschee in Kufa.

An Ali kann man nun die entstehenden Gruppierungen definieren:
Es gab eine Gruppe, die ihn bedingungslos verehrten. Für sie war er der unfehlbare Imam. Diese Anhänger Alis stammten zum größten Teil aus Südarabien, einem Gebiet, das seit jeher die Vorstellung von Gott geleiteten Königen kennt.

Die andere Gruppe bestand aus Muslimen, die glaubten, dass die Ermordung Uthmans (des dritten Kalifen) rechtens gewesen sei, weil er Stammesangehörige bevorzugt hätte und sich somit an seinem Amt versündigt hätte. Diese Gruppe stammte größtenteils aus Nordarabien. In diesen Stämmen stand seit jeher das Gemeinwohl des Stammes an erster Stelle. Sie forderten, dass immer fähigste Mann, unabhängig seiner sozialen Stellung, den Stamm führen sollte.

Aus der ersten Gruppe entstand die Schia, aus der zweiten die Kharidschiten. Wie sollte man den Konflikt lösen? Ein Schiedsgericht einsetzen. Gute Idee, wurde auch so umgesetzt. Der Schiedsspruch fiel, wenn er denn gefällt wurde, undeutlich aus. Beide Seiten hielten weiterhin an ihrem Anspruch fest. Die Umayyaden-Partei krönte 660 in Jerusalem einen eigenen Kalifen. Sein Herrschaftsgebiet erstreckte sich auf Bagdad, Basra und Kufa. Ali beherrschte den Rest der islamischen Welt bis er durch einen kharidschitischen Attentäter ermordet wurde.

 

Die Umayyaden begannen nun mit dem Ausbau ihrer politischen Macht. Sie empfanden sich nicht mehr als Nachfolger des Propheten, sondern als Stellvertreter Gottes. Die Vetternwirtschaft und die Korruption nahmen zu. Es gab keine Gleichheit innerhalb des Islams. Arabische Muslime wurden bevorzugt.

Ali ibn Abi Talib war tot, doch die Schia bestand weiter fort. In Kufa, der Hochburg der Schiiten, hoffte man, dass Alis Sohn Hasan ibn Ali die Nachfolge seines Vaters antreten werde. Jedoch legte er seinen Kalifatsanspruch nieder. Man munkelte von Zahlungen durch die Umayyaden.

Zur Sicherung der umayyadischen Macht wurde das Kalifat in eine Erbmonarchie verwandelt.

Nun gab es noch einen Mohamed-Enkel, Husain ibn Ali, der zweite Sohn Alis und Fatimas. Er verweigerte den Umyyaden die Gefolgschaft. Er und einige wenige Getreue wurden 680 deshalb von den Umyyaden niedergemetzelt.
Die Ermordung des Prophetenenkels Husains und die Zurschaustellung seines abgeschlagenen Kopfes schockierte nicht nur die Schia, sondern darüber hinaus die neutral gebliebene Mehrheit der Muslime. Die Umayyaden hatten ihre Abscheu gegenüber dem Gesandten Gottes dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie dessen Enkel ermordet hatten. Für die Schia wurde Husains Tod zum Synonym der betrogenen Menschheitshoffnung auf eine bessere Zukunft.

 

Der Tod Husains wurde zum Gründungsmythos einer neuen Schia. War zuvor der Konflikt zwischen den Umayyaden, den Schiiten, der Partei um Aischa und den Kharidschiten vor allem politischer Natur, wurde die Schia nun zu einem religiösen Phänomen. Vor Husains Tod hatte es eine schiitische Religiosität überhaupt nicht gegeben.

Die Mehrheit der Muslime war an den Machtkämpfen unbeteiligt. Diese Mehrheit wurde später als Sunniten bezeichnet. Sie waren über das Geschehen schockiert. Einerseits lehnten sie die Umayyaden ab, andererseits tolerierten sie die Herrschaft dieser arabischen Monarchie. Der Tod Alis stellt auch für die Sunniten eine Zäsur dar, denn allen nachfolgenden Kalifen verweigerten sie diese Bezeichnung.

 

Wer sind die Wahabiten (die Herrscher von Saudi-Arabien)?

In Saudi-Arabien sind die Wahhabiten zuhause. Sie entstammen den Sunniten. Der Wahhabismus bzw. Salafitentum ist eine Sekte, die im 18. Jh. n.Chr. von Muhammad ibn Abd al-Wahhab gegründet wurde.

Nach der Gründung des Königreichs von Saudi-Arabien machte Ibn Saud daraus seine Staatsdoktrin. Die Anhänger Ibn Abd al-Wahhabs nehmen für sich in Anspruch, die islamische Lehre alleinig authentisch zu vertreten. Sie erklären viele andere Muslime zu Abweichlern und Schiiten gar zu Nichtmuslimen. Die meisten Wahhabiten, die sich neuerdings Salafiten nennen, gibt es in Saudi-Arabien.

Laut wahhabitischer Lehre ist nicht nur alles verboten, was gemäß Heiligem Qur’an oder Überlieferung verboten ist, sondern auch jede Handlung oder Situation, die zu einer solchen verbotenen Tat führen könnte. Mit derartigen Verrenkungen des Islamischen Rechts [scharia] ist Saudi-Arabien das einzige Land der Welt, in dem Frauen kein Auto fahren dürfen. Lange Zeit waren uneingeschränkt Musik und Fernsehen verboten, da sie einen schlechten Einfluss darstellen könnten. Auch das Bilder- und Fotoverbot wurde lange Zeit sehr strikt gehandhabt, obwohl gleichzeitig das Passfoto Pflicht war. Glaubensauffassungen, die mit dem Wahhabismus nicht vereinbar sind, erscheinen Wahhabiten schnell als unislamisch, was ihnen in der Gesamtheit der muslimischen Gemeinschaft den Ruf der Intoleranz und des Fanatismus eingebracht hat.

Anmerkung: Der Wahabismus ist mit der religiösen und philosophischen Auffassung des IS identisch.

 

Wer sind die Alawiten (die Herrscher von Syrien)?

Der Name Alawiten stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Vorher waren sie bekannt als „Nusairier“. Er leitet sich von Muhammad ibn Nusair an-Numair? (gestorben um ca. 864) ab, der als Gründer der Nusairier gilt. Dieser trat um 860 für den zehnten Imam der Schiiten, Al? al-H?d? an-Naq? in Erscheinung.

Die Geschichte der Alawiten ist reichlich komplex und schwierig. Zusammenfassend kann man folgendes feststellen:
Sie sind im Weiteren eine Untergruppe der Schiiten.
Es gibt nur wenige „Eingeweihte“ in die geheimen Rituale der Religion. Es ist nicht möglich, zu ihrer Religion zu konvertieren, man wird nur durch Geburt Alawit.
Fasten und Moscheebesuch sind für heutige Alawiten nicht zwingend, Frauen tragen kein Kopftuch. Das Gesetz der Scharia wird nicht anerkannt.
Daher gelten die Alawiten bei einigen Sunniten als „Ketzer, schlimmer als Juden und Christen“.
Sie wurden in Syrien lange verfolgt und hatten nahezu keine Bürgerrechte, waren aber im Militär überproportional vertreten, da sich die meist armen alawitischen Bauern nicht vom Militärdienst freikaufen konnten. Schließlich putschte sich daher die alawitische Baath-Partei an die Macht.






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