Die fünf Weisen reisen zu Gott, Teil 4

4 Auf dem Weg nach Passion

 

 

Was man unter Passion verstehen kann entnehmen wir einen Ausspruch von Franz Beckenbauer: „Fußball sei eine Droge, hört man immer wieder. Ich sage: Fußball ist eine Passion, eine Leidenschaft. Ich bin nicht abhängig vom Fußball. Aber: Ich liebe den Fußball.

 

Die vier verblieben Weisen und ein Kamel, ein Pferd, ein Elefant und ein Pony machten sich erneut auf dem Weg. Die ersten Tage konnten sie den Stern am Himmel nicht mehr finden und wurden dadurch reichlich verunsichert. Vielleicht hatte ihr werter Kollege doch Recht gehabt. Vielleicht war auch der Stern in Weihnachten zurückgeblieben. Aber dann bestärkten sie sich gegenseitig.

„Wir haben Recht.“

„Ein Kind ist kein Gott.“

„Das kann nicht sein.“

„Solches habe ich noch nie vernommen.“

Aber sie fühlten sich bei ihrem Gespräch nicht so wohl, denn sie hatten auf der anderen Seite keine verlässliche Information, was einen Gott überhaupt ausmachen sollte. Nach was suchten sie eigentlich?

Einen Gott?
Soweit bestand Einigkeit.

Was aber bitte macht einen Gott aus?

Da sie keine Antwort fanden, schwiegen sie und schritten still weiter.

Nach vielen Tagen und Nächsten tauchte plötzlich der Stern wieder auf. Sie erkannten ihn voller Freude am Firmament. Am Anfang vermissten sie seine Leuchtkraft. Er war nur schwer zu erkennen, hob sich gar nicht ab von den anderen Sternen. Aber so allmählich nahm die Leuchtkraft wieder zu. Immer durchdringender schien er, hell, hob sich ab von allen anderen Gestirnen und leuchtete schließlich auch am Tag.

„Wir sind noch auf dem richtigen Weg“, mutmaßten sie.

„Gott liegt vor uns.“

„Gott zeigt uns unseren Weg.“

Und sie schritten wohlgemut und stramm aus. Ja, sie verspürten wieder Freude und Geist und Körper verbanden sich zu großartiger Leistung.

Sie mussten lange marschieren. Aber die Zeit verging ihnen dennoch wie im Flug.

Nein, so kann man das nicht nennen. Es waren Jahre der Wanderschaft. Aber sie empfanden die Dauer nicht. Die Füße marschieren, die Hände führen die Zügel, der Geist beschäftigt sich mit dem Weg. Alles wiederholt sich, schier endlos. Aber Zuversicht und Freude lässt die Dauer nicht erkennen. Der Stern war ihre Vision, ihr Ziel.

„Warum leuchtet dieser Stern?“, fragte einer. „Ich denke immer wieder darüber nach.“

„Damit wir Gott nicht vergessen.“

„Aber das könnte Gott doch viel einfacher haben. Er müsste lediglich uns begegnen und sagen: Ich bin Gott.“

Sie dachten darüber nach. Es war so schrecklich einfach. Dann wäre ihre Wanderung zu Ende, ihre Suche, ihre Sehnsucht gestillt und sie könnten ihrem König die gute Nachricht schicken.

„Warum kommt uns keiner entgegen und sagt, dass er Gott ist.“

„Weil wir es ihm wahrscheinlich nicht glauben würden“, sagte plötzlich einer.

„Du könntest Recht haben.“

„Man begegnet nicht einfach einem Gott.“

„Aber Gott begegnet einem.“

 

Sie marschierten nun durch ein Gebiet, das stärker besiedelt war. Die kleinen Orte, durch die sie kamen, waren sogar befestigt. Stadtmauern aus Lehm umgaben sie. Die Menschen waren zwar sehr freundlich, aber sie waren auch sehr geschäftig, hatten nicht viel Zeit für sie. Und sie hatten schon gar keine Zeit für ihre unsinnigen Fragen. Gott zählte für die meisten Menschen nichts.

So saßen sie abends häufig alleine an ihrem Lagerfeuer und unterhielten sich leise, aber manchmal auch gar nicht. Dann dachten sie nur nach. Wie wird Gott uns begegnen?

 

Sie waren nun schon lange unterwegs. Viele Tage, Monate. Sie hatten sie nicht gezählt, wohl schon Jahre? Sie wussten es nicht. Und darüber wollten sie auch gar nicht nachdenken, denn sie hatten ihren Auftrag noch nicht abgeschlossen.

Und sie marschierten und sie ritten weiter.

 

Wie gesagt, die Besiedelung wurde dichter. Eselskarren überholten sie. An den Straßenrändern grasten große Herden. Hier lebten viele Menschen. Die Häuser erschienen ihnen größer, stattlicher. Es waren nicht mehr einfache Lehmhütten, es waren Häuser aus Stein erbaut und sogar mit einem zweiten Stockwerk.

 

Doch was bedeutete das?

Nun gut, sie konstatierten, dass sie nun in einer Stadt angelangt waren.

Sie fragten einen der geschäftigen Bewohner, wie die Stadt denn heiße. Zuerst verstanden sie seine Antwort nicht. Der Mann sprach mit einem seltsamen Akzent. Aber schließlich glaubten sie herauszuhören, dass die Stadt „Passion“ heiße.

Natürlich konnten sie auch mit diesem Namen nichts anfangen. Wie sollten sie auch? Sie hatten das Wort noch nie gehört.

Sie fragten nach einer Unterkunft und fanden in der Innenstadt eine wahrlich luxuriöse, ja königliche Unterkunft. Sie erholten sich am Pool, schwammen eine Runde. Das tat gut nach der langen Reise. Sie lagen auf den Liegestühlen. Vögel zwitscherten.

„Lasst uns hier bleiben.“

Doch ihre Neugierde hielt sie nicht am begrünten Pool. Sie schritten hinaus auf die staubige Straße und beschlossen, einen Spaziergang zu unternehmen.

„Ich möchte gerne ein gutes Stück Fleisch essen“, sagte der eine.

„Und ich hätte gerne Obst“, sagte die Frau.

„Mich gelüstet es nach einem Becher Wein.“

Und auch der vierte hatte einen Wunsch.

Sie waren so sehr mit sich und ihren Wünschen beschäftigt, dass sie gar nicht bemerkten, wie sich der Stern plötzlich wieder positionierte. Er schien herzurücken, gleichzeitig stehenzubleiben, sich über einem bestimmten Punkt zu manifestieren. Und er schien so hell, wie sie es schon lange nicht mehr gesehen hatten.

Plötzlich fiel er ihnen auf. Sie konnten den Stern gar nicht mehr übersehen.

„Seht den Stern.“

„Er leuchtet stark.“

„Er erfüllt uns irgendwie.“

„Er hat eine Botschaft für uns.“

Aber in seinem Schein verstärkte sich auch wieder ihre Unsicherheit: Gott, wo bist Du?

Sie wollten die Menschen der Stadt fragen, ob sie etwas von einem Gott wissen, der hier Einzug halten wird. Aber die Menschen waren seltsam geschäftig. Sie lachten lediglich und schüttelten den Kopf.

„Ein Gott. Nein, davon wissen wir nichts.“

„Hier gibt es viele Götter.“

„Ich habe heute noch keinen Gott gesehen.“

 

Und dann rannten die Menschen auch schon wieder los, ohne Zeit, atemlos. So folgten die vier Weisen eben diesen geschäftigen Menschen. Aus Neugierde. Es wurden immer mehr Menschen. Die Städter strömten aus allen Vierteln. Und der Stern leuchtete über einem Hügel. Dorthin liefen auch die Menschen.

Vielleicht hatten die Bürger dieser Stadt ja doch ihren Gott gefunden.

Sie fragten: „Lauft ihr auch dem Stern nach?“

„Welchem Stern?“

„Na, dem Stern da oben, der so hell leuchtet.“

Die Menschen sahen nach oben, kurz, dann eher verärgert. Sie wollten sich nicht auf den Arm nehmen lassen.

„Hier ist kein Stern“, Knurrten sie.

Da erst, nach den vielen Tages- und Jahresetappen, ging den Weisen auf, dass wahrscheinlich nur sie den Stern sehen konnten. Nur sie sahen. Nur sie erkannten. Nur sie besaßen die notwendige Weisheit.

Und trotzdem rannten die Menschen dem Stern nach.

„Wohin lauft ihr?“

„Nach Golgatha.“

„Da wird einer gekreuzigt.

„Dorthin gehen wir. Das ist immer ein Schauspiel.“

Die Menschen dachten nicht an einen Stern, dachten nicht an einen Gott, sondern an das blutige Schauspiel einer Kreuzigung.

Die Weisen liefen mit dem Strom.

Sie sahen einen hageren Menschen, wie er unter der Last eines Kreuzes zusammenbrach. Ein anderer aus der Menschenmenge wurde gezwungen das Kreuz zu tragen, zu schleppen. Der andere, von Peitschen gedemütigt, quälte sich den Berg hinauf.

Die Weisen verirrten sich dann in den kleinen Gassen der Stadt. Die weiß gekalkten Häuserfassaden sahen so unschuldig aus. Dahinter konnten nur Engel leben, keine Menschen, die an Kreuzigungen Lust empfanden.

Als sie endlich nach manchen Irrwegen Golgatha erreicht hatten, wurden sie Zeuge eines widerwärtigen Schauspiels. Drei Männer wurden an drei Kreuze geschlagen. Und die Menschenmenge johlte dazu. Warum können sich Menschen freuen, wenn jemand anderes zu Tode kommt? Das kannten sie aus ihrem Reich nicht. Diese Menschen hier waren nicht sonderlich kultiviert. Hinter den weiß gekalkten Fassaden lebten eben doch keine Engel.

Sie wollten sich schon angewidert abwenden, man muss sich ja nicht alles ansehen, was Menschen anderen antun. Da überfiel die weise Frau plötzlich ein Zittern und sie packte die anderen an ihren Umhängen. Sie keuchte und stöhnte und schrie es heraus: „Das ist Gott.“

„Wer?“

„Der in der Mitte.“

„Das gibt es nicht. Man kann einen Gott nicht kreuzigen.“

Die Männer lächelten über die Frau.

Und die Frau sagte, sie sollten ruhig lächeln.

„Das ist Gott.“ Sie schrie es heraus.

Und sie beobachteten, wie ein Soldat dem Gott die Lanze in die Seite stieß, und sie beobachteten, wie der Gott zusammensackte.

Das soll Gott sein?

Die Frau bestand darauf. Sie bleibe hier. Sie wolle sehen, was sie für den gemarterten Gott noch tun könne. Vielleicht nur noch anbeten. Aber hier bleiben.

Die anderen drei wendeten sich ab. Sie waren enttäuscht, verunsichert, gekränkt, gedemütigt. Der König hatte die falschen Weisen geschickt. Der eine sah den Gott in einem Kind, die andere in einem elenden Menschen am Kreuz.

Die Frau schrieb währenddessen auf ein Stück Papier:

„Ich habe Gott gefunden. Aber er stirbt gerade am Kreuz in dem Ort Passion.“

Sie holte ihre Taube, befestigte die Nachricht daran und ließ die Taube fliegen. Sie wollte ihrem König die Nachricht zukommen lassen.

 

In dieser Nacht hielten zwei weise Ratgeber am Kreuz Wache. Es war derjenige, der die Gruppe in Weihnachten verlassen hatte, und es war die Frau, die in Passion die Erkenntnis gefunden hatte.

Sie hatten sich begrüßt. Kopfnicken. Tiefes Verständnis. Sie hatten ihren Gott gefunden.

Ja, das ist Gott.

 

Über den Ort Passion zogen sich dunkle Wolken zusammen und es gab ein schweres Gewitter. Der Regen peitschte an die weiß gekalkten Fassaden. Blitze funkten durch die Straßen und Donner knallte mächtig. Die Menschen verkrochen sich. So ein Unwetter hatte es in Passion noch nie gegeben. Die Menschen machten den Klimawandel dafür verantwortlich. Und wer ist für das Klima verantwortlich? Gott?

Aber einen Gott kannten sie in dieser Stadt nicht.

Die Blätter der Palmen splitterten ab und tauchten in das Wasser des Pools. Die schönen Blüten der farbenfrohen Blumen trieb der Sturm vor sich her und schmetterte sie in das Wasser und auf den Rasen.

In dieser Nacht starben drei Menschen am Kreuz und zwei andere wurden von umstürzenden Palmen erschlagen.

 

Aussagen – Nachdenkens wert

 

Dass Gott gekreuzigt wird, dass man ihn kann verwunden! Dass er die Schmach verträgt, die man ihm angetan! Dass er solche Angst aussteht! und dass er sterben kann! Verwundere dich nicht, die Liebe hat’s erfunden!
Angelus Silesius (Johann Scheffler, 1624-1677), deutscher Dichter, Arzt, Priester

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