Der zweite Wert: Ausdauer, ein langweiliger Wert

 

Ich habe die Redaktionssitzung verschwitzt und noch keinen „Wert“ bearbeitet. Ich erkenne auch keinen Wert vor meinen Augen, es kristallisiert sich keiner aus dem Dschungel meiner Gedanken heraus. Ich sollte endlich vorwärts kommen.

Und da fällt mir plötzlich ein Wert ein, der allerdings langweilig ist, nicht so packend wie Liebe, Mut oder Freiheit. Ausdauer! Was ist das schon? Ausdauer ist, wenn man jedes Monat einen Werteartikel schreibt und das ein ganzes Jahr lang, finde ich zumindest. Ausdauer setzt immer ein Ziel voraus und der Weg zum Ziel ist die Ausdauer. Ausdauer üben wir für gewöhnlich frühzeitig ein, wenn kleine Kinder das Gehen probieren. Sie lassen nicht locker, bis sie auf zwei Beinen sicher durch die Welt stolzieren. Wenn wir die Schulausbildung beginnen und beenden – dazwischen steckt die Ausdauer. Nicht alle, auch nicht alle Schüler sehen die Notwendigkeit dieser Ausdauer ein. Hier entscheidet es sich zwischen denen, die auf Ausdauer setzen und denen, die Ausdauer nicht lieben.

Ausdauer kann man lernen. Sie ist eine Art von Selbstdisziplin. Das bedeutet aber, dass ich Ausdauer selbst will. Vor der Ausdauer kommt die Entscheidung und das Wollen. Gerade habe ich im Fernsehen einen Ausschnitt der Tour de France gesehen. Diese Radrennfahrer benötigen Ausdauer, jeder einzelne von ihnen. Ohne Ausdauer könnten sie das Rennen nicht durchstehen.

Meine Arbeit setzt Ausdauer voraus, eine Abteilung, einen Betrieb aufbauen kann nur mit Ausdauer geschehen. Da hat jemand ein Ziel und geht den Weg zum Ziel mit Ausdauer.

Ausdauer ist kein leichter, federnder Wert. Ich verbinde damit Anstrengung, aber auch gleichzeitig Genugtuung. Denn Ausdauer steht nicht für sich. Die Erreichung des Ziels ist die Krönung der Ausdauer. Meine Tochter beginnt ihr Medizinstudium. Ich bewundere die Ernsthaftigkeit, mit der sie dieses Studium angeht. Mindestens 13 Semester liegen noch vor ihr, das Ziel befindet sich in weiter Ferne. Sie wird Ausdauer benötigen. Sie wird die Ausdauer auch aufbringen. Die Erreichung des Ziels ist die Genugtuung.

Alle großen Taten der Weltgeschichte haben etwas mit Ausdauer zu tun. Alexander der Große benötigte Ausdauer, um das Perserreich zu erobern. Eine der großen Tugenden Hannibals war die Ausdauer, als er mit seinen Elefanten die Alpen überquerte. Ausdauer zeigten auch die  90000 chinesische Kommunisten, die am 27.10.1934 den “Langen Marsch” über 12500 km antraten.   Es fällt auf, dass Ausdauer immer dann im Spiel ist, wenn Großes geleistet wurde.

Theodor Fontane lässt in seinem Roman „Der Stechlin“ seine Hauptfigur Dubslav äußern: „Courage ist gut, aber Ausdauer ist besser.“ Gemeint ist mit dieser Aussage, dass es vielfach besser ist, ein Ziel durch Geduld und zähes Beharren zu erreichen und lieber auf riskante Aktionen zu verzichten.

Nun müssen wir nicht gleich Weltgeschichte schreiben wollen. Schon das Leben für sich – das ist Großes -  benötigt Ausdauer. Alle Ziele, die ich mir im Leben stecke, benötigen mehr oder weniger Ausdauer. Krankheit benötigt Ausdauer. Ich komme besser mit meinem Leben zurecht, wenn ich Ausdauer aufbringe. Christsein benötigt Ausdauer. Christsein ist mein Ziel und wird immer das Ziel bleiben. Der Weg dorthin ist mein Leben und die Ausdauer. Vielleicht sind wir als Christen sogar der Ausdauer verpflichtet, mir gegenüber und anderen gegenüber. Die Ungeduld ist das Gegenüber. Keine Zeit und durch. Manchmal erreicht man auch so seine Ziele. Aber sicherer und eleganter, schonender und freundlicher ist die Ausdauer.

Es bedarf der Ausdauer, eine gute Jugendarbeit zu schaffen. Es bedarf der Ausdauer, als Seelsorger anerkannt zu werden. Es bedarf der Ausdauer, Gemeinde aufzubauen. Es bedarf der Ausdauer zu leben. Jeder Mensch hat Wünsche und Ziele in seinem Leben. Vor ihnen darf er sich nicht scheuen, er sollte sie mit Ausdauer angehen.

Ausdauer ist vielleicht ein langweiliger Wert, aber gleichzeitig ein hartnäckiger und ein befriedigender Wert. Was wollen wir mehr?

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