Der Tod ist stärker als die Liebe

Materialien zur Osternacht

Autor: Werner Schwanfelder

Der Tod hat viele Facetten. Enthaupten oder Erdrosseln, Ersticken oder Ertrinken. In der Feuersbrunst oder in einem Wasserbecken. Einfach aus Altersschwäche oder durch Herzinfarkt. Ein Freitod oder ein Gewaltverbrechen. In einer Naturkatastrophe oder im Bett. Durch Messer oder Kugel. Bei der Arbeit oder auf der Straße. Der Tod hat viele Gesichter: ein Baum, der fällt, ein Mensch, der schlägt, eine Kugel, die trifft, eine Ader, die zerbirst, ein Blumentopf, der fällt. Der Tod hat kleine, kalte Augen.

Mit dem Tod ist alles vorbei. Das Atmen beendet. Kein Denken mehr. Kein Schmecken, kein Reden, kein Weinen, kein Trauern und kein Lieben.

Der Tod ist endgültig, die Liebe kann sich verstecken, verkriechen, verflüchtigen, versanden, verschwinden. Mit dem Tod wird auch die Liebe zu Grabe getragen.

Mit dem Tod ist alles zu Ende.

Der Tote wird nicht mehr lieben. Im Totenreich hat die Liebe keinen Platz. Im Hades hockt das Nichts. Es lächelt verständnisvoll, doch dies bedeutet nichts.

Der Tod ist kein Monster. Der Tod kommt leise, unauffällig. Der Tod ist bescheiden.

Wo die Liebe feiert, ist der Tod still und zurückgezogen.

Der Tod hat keine Stacheln. Der Tod braucht keine Fäuste. Der Tod ist nicht kraftvoll.

Der Tod ist wie eine kalte Hand, die sich auf das Herz legt. Und liegt. Und niemals sich erwärmt. Nur Kälte.

Der Tod nimmt die Liebe in seine kalte Hand, wie eine Murmel, klein und zerbrechlich, farbig und formvollendet. Der Tod knetet die Liebe. Und wenn er presst und drückt und schlägt, dann ist die Liebe tot, wie der Tod.

Der Tod hat keinen Sinn für die Liebe, denn der Tod liebt nicht. Der Tod ist mit sich zufrieden, weil er weiß, dass er stärker ist als die Liebe.

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