Der erste Wert: Achtung

 

„Achtung, ein Auto!“ so hat der eine oder die andere bestimmt schon einmal gerufen. Dabei benutzte er das Wort Achtung als Warnung. Achtung bringe ich andererseits einer Person entgegen – der Begriff wird damit ein wichtiger Wert im menschlichen Zusammenleben. Für mich ist Achtung der elementarste Wert, denn er basiert auf dem Grundrecht eines jeden Menschen, seiner unantastbaren Würde. Achtung hat Power. Achtung motiviert das Gegenüber und regt es zu vielfältigen Leistungen an. Führungskräfte lernen in fast jedem Seminar, dass sie Mitarbeiter nur dann motivieren können, wenn sie ihnen wertschätzend begegnen, ihre positiven Fähigkeiten und Ressourcen wahrnehmen und stärken und ihnen Respekt entgegenbringen. Das ist nichts anderes als „gelebte Achtung“. Was Manger lernen und dann hoffentlich auch aus Überzeugung anwenden, gilt natürlich für alle zwischenmenschlichen Begegnungen, die wir tagtäglich erleben.

Achtung hat viel mit Nähe zu tun. Es ist leicht, die Tuareg in Nordafrika zu achten, sozusagen von einem theoretischen, humanistischen Standpunkt aus, denn die Tuareg sind weit entfernt von unserem Lebensmittelpunkt. Sie zu achten kostet gar nichts, nicht einmal persönliches Engagement.

Viel konkreter fordert uns Achtung, wenn es um den Nachbarn geht, zumal wenn wir ihn nicht mögen, Ich empfinde es durchaus als anstrengend, wenn ich einen Geschäftskollegen achten soll, der mir schon zum wiederholten Mal auf die Nerven gegangen ist.

Wie äußert sich Achtung? Achtung erhält Substanz, wenn ich jemanden das Gefühl einer Wertschätzung vermittle. Es ist eine Tatsache, dass Menschen über sich selbst hinauswachsen können, wenn sie erfahren, dass man ihnen etwas zutraut, wenn sie geachtet und respektiert werden. Und umgekehrt können sie verkümmern, wenn sie das Gegenteil spüren, wenn sie sich missachtet fühlen, an den Rand gedrängt, ganz einfach für unwert befunden fühlen. Wenn ich also mein Gegenüber achte, ihm Wertschätzung entgegen bringe, fördere ich ihn und helfe mir gleichermaßen. Win-Win-Situation nennt man das in der Managersprache. Gemeint ist, dass beide aus der gegenseitigen Achtung profitieren.

Was heißt damit Achtung ganz konkret? Jemanden achten bedeutet, ihm im täglichen Leben auf der gleichen Augenhöhe zu begegnen und das ganz egal, ob er uns fremd oder nahe ist, ob wir uns über ihn geärgert haben oder ob wir ihn bewundern. Das heißt, wir können Lob und Tadel aussprechen und trotzdem achten und wertschätzen.

Dies leben zu können, bedeutet aber, dass wir uns auch selbst annehmen können: Erst dann sind wir in der Lage uns gegenüber anderen zu öffnen. In dieser Öffnung wird Achtung, Annahme und Wertschätzung offenbar. Es geht also nicht um eine ferne, humanistische Einstellung, sondern um eine ganz konkrete Lebensform. Achtung äußert sich im Tun und manchmal auch im Nichttun. In Madrid hatte sich eingebürgert, dass von Donnerstagabend bis Sonntag jede Nacht auf den Plätzen und Straßen große ausgelassene Partys stattfinden. Dabei wird gelärmt, Alkohol getrunken, mit Flaschen, Büchsen und Fäkalien die Plätze verunreinigt. Was den einen Spaß macht, ist den anderen, den Anwohnern ein Graus. Sie können nicht mehr schlafen, sie müssen mit Schmutz und Abfällen leben. Zweifelsohne: Die Feiernden achten nicht die Anwohner. Wir müssen dabei nicht nach Madrid gehen. Wie steht es mit der Achtung bei unseren eigenen Feiern, in unserer eigenen Familie, in unserem eigenen Büro?

Von Achtung ist es nur ein kleiner Schritt zur Liebe. Doch das ist bereits ein neues Thema.

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