Osterhymnus

Osterhymnus – der “andere Gottesdienst” am 6.4.2014 (Texte und Bilder)

Oscar Petersons „Easter Suite“ wird in seiner Biographie als eines seiner Hauptwerke erwähnt. Dabei ist sie auch dem interessierten Publikum kaum bekannt. Das liegt daran, dass es keine Noten dazu gibt, nur eine Tonaufnahme der Londoner BBC. Das Stück wurde am Karfreitag, den 24.4.1984 erstmals ausgestrahlt. Drei Jazz-Musiker, Olaf Kordes, Wolfgang Tetzlaff, Karl Godejohann waren von der Musik so beeindruckt, dass sie diese Easter Suite nachkomponiert haben. 22 Jahre später im Frühjahr 2006 gaben sie damit das erste Konzert. Wir wollten diese drei Musiker zu Kultur in der Kirche einladen. Leider war das für uns finanziell nicht darstellbar. So machen wir jetzt den Versuch, Ihnen diese Musik von einer CD zugänglich zu machen. Wir haben die Musik nun noch um zwei Elemente ergänzt: Zum einen um Bilder. Diese Bilder sind alles Fotografien, die ich im Museum of Modern Arts in New York aufgenommen habe. Unterschiedliche Künstler, unterschiedliche Werke, unterschiedliche Stilrichtungen. Weiterhin habe ich im Internet Texte gesucht, die zu den einzelnen Kapiteln passen. Ich habe sie n ur leicht bearbeitet. Auch sie sind von unterschiedlichen Autoren, in unterschiedlichen Zeitepochen entstanden und in ganz unterschiedlichem Stil. Sie sind nunmehr eingeladen, sich auf dieses Experiment einzulassen.

 1k1. Das letzte Abendmahl

 Die Situation ist klar. Judas hatte gerade das Passahfest verlassen, die Turbulenzen haben sich gelegt. In dem Dorf ist es ruhig geworden. Die Jünger wollten mit Jesus nunmehr feiern, essen und trinken. Sie sehnen sich nach Harmonie. Jesus aber folgt dieser Sehnsucht nach Feierlichkeit nicht. Er sagt schwer verständliche Sätze. „Jetzt ist der Menschensohn in seiner Herrlichkeit offenbart, und Gott ist verherrlicht in ihm. Wenn aber Gott verherrlicht ist in ihm, dann wird Gott auch ihn verherrlichen in sich selbst. Und das wird bald geschehen.”

Fragend sahen ihn die Jünger an. Aber er kommentierte seinen Satz nicht weiter. Während sie nun aßen, nahm Jesus Brot, dankte Gott dafür, brach es in Stücke, gab es den Jüngern und sagte: “Nehmt und esst es, denn dies ist mein Leib, der für euch geopfert wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis.”

Nachdem sie gegessen hatten, nahm er einen Becher mit Wein und gab ihn den Jüngern mit den Worten: “Trinkt alle daraus! Denn dies ist mein Blut des Bundes, das für viele zur Vergebung der Sünden vergossen wird.” Und sie tranken alle daraus.

Für uns sind diese Worte heute bekannte Rituale. Die Jünger, die sie erstmalig hörten, konnten sie nicht interpretieren . Sie wurden unruhig. Jesus fuhr fort: “Wahrlich, ich sage euch, von nun an werde ich nicht mehr vom Saft der Reben trinken bis zu dem Tag, an dem ich ihn im Reich meines Vaters erneut trinken werde.“

 Wir wissen, was Jesus andeuten wollte. Aber die Jünger? Sie sind besorgt, verunsichert. Sie wissen, dass etwas Großes geschieht. Aber sie wissen nicht was. Also keine friedliche Harmonie zu diesem Abendmahl.

2k2. Der Garten Gethsemane

 Nach dem Abendmahl begibt sich die Jünger-Gesellschaft in den Garten Gethsemane, in den Garten der Ölpresse oder Ölmühle. Er lag außerhalb der Stadt, am Fuß des Ölbergs in Jerusalem. Ein Ort der Ruhe, zum Nachdenken bestens geeignet. Olivenbäume wachsen hier, immer noch, Nachkömmlinge der Bäume, die zu Zeiten von Jesus hier standen. Am nördlichen Ende gibt es eine Grotte. Hier haben wohl die Jünger geschlafen. Jesus ging “einen Steinwurf weit”, um den Vater zu bitten, den “Kelch” an ihm vorübergehen zu lassen. Wie wir wissen, war die Bitte vergeblich.

 Natürlich ist der Wunsch legitim, dass etwas, vor dem man Angst hat vorbei gehen soll. Aber die Lebenserfahrung bezeugt, dass kaum etwas einfach so vorbei geht. Es sei denn, es waren Phantasien. Die Welt geht ihren Gang. Es passiert, was passieren muss. So betet auch Jesus voller Inbrunst, holt sich Rat, wie er sich verhalten soll.

 Letztendlich geht er seinen Weg, bewusst, gefasst, angstvoll und gleichzeitig unerschrocken. Wir erleben, dass dies kein Widerspruch sein muss. Die Jünger schlafen, ruhen unruhig. Es ist wie die Ruhe vor dem Sturm. Eine alptraumhafte Ruhe. Wir wissen, wie die Geschichte weitergeht. Die Jünger sind sich dessen nicht bewusst. Die Tatsache ist, dass Jesus sie bittet zu wachen und beten. Sie aber sind erschöpft und schlafen ein. Wem von uns ist dies nicht auch schon einmal passiert? Wir sind die Jünger.

3k3. Verleugnung

Die Psychoanalyse sagt, Verleugnung sei ein Abwehrmechanismus. Mittels Verleugnung lässt sich die Wahrnehmung realer Sinneseindrücke ignorieren. Eine bedrohliche Wirklichkeit kann auf diese Weise als nicht existent erscheinen. Noch in Gethsemane waren sich die Jünger sicher. Sie werden keine Sünder werden, nicht abfallen. Besonders Petrus, der Fels wird von Jesus mit der Zukunft konfrontiert: “Noch heute, noch diese Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich verleugnen.” Nein – treu bis in den Tod. Petrus kann sich dies nicht vorstellen. Er ist sich seiner sicher.

 Die Jünger stehen vor einer grundlegenden Veränderung: Bisher waren sie eine Gruppe, eine verschworene Gemeinschaft. Nun löst sich die Gruppe auf in Individuen. Judas ist aus der Gruppe bereits ausgeschieden. Nun wird  Petrus hervorgehoben.

Vielleicht sollen wir daraus lernen, dass wir letztendlich mit unseren Problemen allein sind. Wir müssen uns mit der Welt auseinandersetzen. Es ist nicht DIE Verleugnung. Es ist MEINE Verleugnung. Wie häufig habe ich Dich schon verleugnet?

Eigentlich geht es um Nebensächlichkeiten. Eine Magd fragt mehr verwundert: Du hast doch Jesus begleitet? Und noch einmal die Magd. Sie wagt sich, die Frage in der Öffentlichkeit zu wiederholen. Wenig später stellen auch andere Leute die Frage, Unbeschriebene, nur Statisten des Weltgeschehens: Du bist doch einer “von ihnen”?

Petrus reagiert diesmal nicht mit Leugnen, sondern er beginnt zu fluchen und zu schwören, dass er den, von dem geredet wird, nicht kenne. Ich kenne ihn nicht.

Der Hahnenschrei ist nicht wichtig. Er verdankt sich der Dramaturgie des Erzählers. Petrus hat es bereits bemerkt. Er hat geleugnet, verleugnet, gesündigt.

So wie wir dies wohl auch täglich tun. Es ist MEINE Verleugnung.

4k4. Warum hast Du mich verraten?

 “Judas, Judas was hast du getan? Und warum? Habe ich dir nicht ALLES gegeben was du brauchtest? Warum hast du mich verraten und verkauft?”
“Aber Herr ich wollte dein Reich bauen, ich wollte dich groß heraus bringen, ich dachte, wenn ich das Geld in der Kasse habe, dann wirst du dich als der Herr erweisen. Dann gehorchen Dir Dämonen und Teufel. Du bist der Stratege der Zukunft. Mit diesem Geld kannst du deine Herrschaft festigen.“

 “JUDAS; JUDAS mein Reich ist nicht von dieser Welt, wie konntest du denken es mit GELD und MACHT und mit den HERREN dieser WELT voran zu bringen, wie konntest du denken, dass ICH daran Interesse habe, es so hervorzubringen?”
“HERR ich…. dachte, … du bist stark, du wirst dich als sein Sohn erweisen.“

 “Judas, Judas! Hast du denn nicht verstanden, dass es nicht um Einfluss geht, um Geld und Macht und Reichtum, dass dies nicht mein Königreich ist? Hast du nicht verstanden, dass ICH der HERR dein GOTT herrsche und gleichzeitig den Menschen diene? Ich könnte mir alles leicht beschaffen, aber dann könntet ihr mich nicht erfassen, du hast MICH VERRATEN, weil du den Blick von mir abgewandt hast. Du warst einer meiner Jünger, du WARST MEIN FREUND! DU HAST DICH FALSCH VERHALTEN, DU HAST VERRAT BEGANGEN und mich mit einem KUSS an meine Feinde übergeben! UND dennoch liebe ich dich bis in den Tod! DENNOCH weine ich um DICH”
” HERR, ich…..bin verzweifelt, ich habe dich so falsch verstanden, ich habe nur das gesehen was auf dieser Erde ist und dachte es ist DEIN REICH! “
” Ja JUDAS und du hast dabei übersehen, dass ICH DICH LEHRTE, dass MEIN REICH in dir beginnt!“

 
UND JUDAS GING UND ERHÄNGTE SICH!

5k5. Das Verhör

 Die Ankläger tragen keine Schuld. So könnte man auch heute noch denken. Der Staatsanwalt ist selten der Bösewicht.

 Es ist wohl richtig, dass der Prozess Jesu in den Aufgabenbereich des römischen Statthalters fiel, weil die Anklage unter anderem auf Hochverrat und Anstiftung zum Aufruhr, also auf politische Vergehen lautete. Der „König der Juden“ sei eine Bedrohung für den Kaiser in Rom und dessen Territorialansprüche geworden, behaupteten die jüdischen Ankläger.

Pilatus ist aber der Richter. Damit kann er zum Schuldigen werden, denn wer richtet trägt das Risiko des Rechts. Uns allen ist klar, dass Pilatus schuldig werden wird. Später beklagt er sich bei Jesus: Nur deinetwegen bin ich in die Geschichte eingegangen, nicht ob meiner Verdienste um das Imperium Romanum, um das Römische Reich, das längst untergegangen ist, während du offensichtlich bis heute noch lebendig bist, wie auch immer, präsent bist du jedenfalls. Rom ist tot, das Christentum lebt. Gloria in excelsis, um deines Ruhmes, deiner Ehre willen werde ich nicht vergessen und durch alle geschichtlichen Zeiten geschleift. Meiner Ehre dient das wohl kaum. Gestorben unter Pontius Pilatus. Womit habe ich diese Anklage verdient? Ich habe meine Hände in Unschuld gewaschen. Ich habe Mörder für Dich angeboten. Den Anklägern waren diese lieber. Sie zogen Mörder, Kinderschänder, Terroristen Dir vor. Ich habe Dich verhört, aber ich habe an Dir keine Schuld gefunden. Ich habe mich treiben lassen, hatte Angst, die Reputation zu verlieren, vom Kaiser abgesetzt zu werden. So habe ich Urteil unterschrieben. Damit habe ich Schuld auf mich geladen

6k6. Bist Du der König der Juden?

 Da ging Pilatus wieder hinein ins Richthaus und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der Juden König? Jesus antwortete: Redest du das von dir selbst, oder haben’s dir andere von mir gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan?Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde. Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?

Diese Frage bewegt uns noch lange, unendlich lange. Was ist die Wahrheit? Es gibt keinen Philosophen auf unserer Welt, der sich nicht mit der Wahrheit beschäftigt hätte. Zum Schluss müssen wir erkennen, es gibt keine eindeutige Wahrheit.

Pontius Pilatus muss über die Frage urteilen: Bist Du der König der Juden? Die Ankläger verneinen es und bejahen es in einem Atemzug. Sie verneinen es, weil sie Jesus nicht anerkennen und bejahen es, weil sie Jesus töten wollen. So steht Pontius Pilatus mit seinem Richterspruch zwischen mehreren Wahrheiten. Obwohl er die Königs-Wahrheit nicht glaubt, verurteilt er Jesus aufgrund dieser Wahrheit und lässt es auf dem Kreuz auch noch schriftlich fixieren.

Dabei stimmt nur eine Aussage zu der Wahrheit, die Jesus selbst gesagt hat: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich. Und auch diese Wahrheit ist nur oder letztendlich eine Glaubenswahrheit, die jedoch zum Vertrauen einlädt..


7k7. Warum hast Du mich verlassen?

Tränen benetzen sein Gesicht,
Schreie sitzen tief in seinem Herzen.
Er hat den Wunsch, zu flüchten.
Er fühlt sich verloren.
“Warum siehst du mich nicht?!”
schreit er in die Nacht hinaus.
Kein Laut, kein Geräusch kommt an sein Ohr.
Allein bleibt er in der Nacht.
Bilder dringen in seinen Kopf
und schmettern ihn zu Boden.
Jammernd versucht er aufzustehen,
doch er fühlt sich zu schwach.
Er bleibt zusammengefallen am Kreuz.
Seine Erinnerungen und Sehnsüchte erdrücken ihn
Er krümmt sich vor seelischem Schmerz.
Sein Herz schmerzt viel zu sehr.
Sein geliebter Herr hat es gebrochen…
Er hat ihn verlassen.
Die Frage „Warum“ schallt hinaus in die Nacht.

8k8. Passionschoral

 Unter Passion versteht man die Leidensgeschichte Jesu. Sie beginnt „mit seiner Menschwerdung“, und dauert sein Leben an, beinhaltet das Leiden an der Welt und mit der Welt. Die Konflikte wären heute anders, aber genauso vorhanden. Die Passion endet mit dem Tod. Erst dann ist sie abgeschlossen.

Jesu Leben könnte man als ein einziges Missverständnis auffassen. Seine Verkündigung und sein prophetisches Wirken werden immer wieder von seinem eigenen Volk missverstanden; auch von seiner Familie, selbst von seinen Jüngern. Jesus trauert in seinem Leben häufiger, so weint er über die Stadt Jerusalem.

 Die Missverständnisse kulminieren bis zum Vorwurf der Gotteslästerung:

 „Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Wozu brauchen wir noch Zeugen? Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was ist eure Meinung? Und sie fällten einstimmig das Urteil: Er ist schuldig und muss sterben.“

So geschieht es. Am Kreuz.

Damit ist die Passion das ohnmächtige Leiden und Sterben von Jesu. Das war damals ein Problem für die Jünger und ist vielleicht auch heute ein Problem für uns: Warum muss unser Gott so jämmerlich sterben?

Die Passion könnte eine höchst überflüssige Geschichte sein. Sie könnte allerdings auch die absolut neue, nicht vorhersehbare, ungewohnte und unbekannte, überraschende, beeindruckende Handschrift Gottes sein.


9k9. Er ist auferstanden

 Was bitte bedeutet Auferstehung?

 Auferstehung heißt nun nicht etwa, daß es einem gelungen wäre, aus der Totenwelt zu uns zurückzukehren. Auferstehung ist kein Märchen und kein Mythos. Das alles wäre zu kleinlich. Darüber könnten jeder von uns und die Weisen vom Areopag mit Recht spotten. Die Botschaft von Ostern, mit der einst die Christenheit ihren Weg in die Welt antrat, war die unerhörte Behauptung, dass mit der Auferstehung Jesu das Grundgefüge unserer schnöden und vermeintlichen Wirklichkeit aufgehoben wurde. Es ist die Offenbarung einer göttlichen Dimension, die für menschlichen Geist höchstens als eine andersartige Wirklichkeit zu verstehen ist.

Daraus erwächst eine Kraft, die das ganze Gemäuer von Welt ins Wanken bringt, die alle Tyrannen erzittern und alle Gefangenen aufatmen lässt. Der Tod ist doch nicht das Letzte, sondern das Leben. Die Menschen sind doch nicht versklavt an das Böse, sondern zur Freiheit berufen. Das Gesetz ist nicht das eigentliche Weltgeheimnis, sondern das Wunder und die Gnade.

So umfassend, so überragend, so bedeutend könnte ich mir die Botschaft des Auferstandenen vorstellen.

Mit der Auferstehung Jesu fiel ein Eiserner Vorhang, stellvertretend für alle anderen Grenzen, Kerker und Eisernen Vorhänge, die Menschen den Menschen setzen, um sich gegenseitig in Angst vor dem Tode zu halten.

Die ersten Jünger haben dies bereits geahnt, und vielleicht sogar erfahren, so konnten sie vor aller Welt laut proklamieren: Jesus ist der Herr! Sie hatten uns eins voraus: Sie waren die Augenzeugen! Sie hätten lügen müssen, wenn sie geschwiegen hätten.

Und so zogen sie fröhlich ihres Weges.
Warum? Weil sie wussten: Es gibt das Unmögliche! Dieses Unmögliche ist auch möglich in Deinem Leben.

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