Der Prophet

(eine Geschichte)

Ich wachte heute Morgen auf und wusste, dass ich als Prophet auserkoren worden war. Das war mein allererster Gedanken nach dem Aufwachen. Ich bin jetzt ein Prophet.

Alptraum.

Ich konnte mich an gar keinen Traum erinnern.

Größenwahn.

Ich hatte niemals den Wunsch gehabt, Prophet zu sein.

Ich setze mich im Bett auf. Draußen scheint die Sonne, der Rasen leuchtet bereits grün und saftig, die Büsche biegen sich leicht im Wind. Es erscheint mir ein ganz normaler Tag zu sein.

Ich hebe vorsichtig die Beine aus dem Bett, stehe leise auf, ohne meine Frau zu wecken, die noch schläft.

Ich gehe in die Küche, bestücke die Kaffeemaschine und stelle sie ein. Ich hole die Zeitung aus dem Briefkasten und setze mich, mit Kaffee und Zeitung ausgerüstet, auf die Terrasse.

Ich bin Prophet. So ein dummer Gedanke. Vielleicht hatte ich auch nur einen sonderbaren Traum. Sicherlich vergeht dieser Zustand bald und bleibt erinnerungslos.

Ich lese die Zeitung und bleibe bei der Lektüre nicht gleichgültig. Wie könnte ich das? Wie kann das überhaupt jemand? Es passiert so viel auf der Welt. Betrug, Mord, Raub, Vergewaltigung, Krieg, Töten. Eine kleine Notiz besagt, dass sich einer freut, weil er im Lotto gewonnen hat. Und der Tierschutzverein hat ein neues Heim eingeweiht. Aber sonst widmen sich die Überschriften dem Bösen.

Ich müsste meine Stimme dagegen erheben. Ich denke im Konjunktiv und dennoch durchfährt mich der Gedanke wie ein Stich – mitten durch das Herz.

Ich? Warum ich?

Was kann ich als einzelner ausrichten?

Und ich will auch gar nicht.

Bin ich oder werde ich ein Prophet?

Ich verbiete mir den Gedanken.

Ich frühstücke dann mit meiner Frau. Aber ich sage ihr nichts. Obwohl ich ihr alles sagen könnte. Ich sage nichts. Weil ich nichts sagen will. Lediglich schlecht geträumt.

Glücklicherweise habe ich an diesem Tag eine ganze Reihe von Terminen, so dass ich ganz vergesse, was mich beschäftigt. Das Abendessen genieße ich wie schon lange nicht mehr. Dann sitzen wir im Garten, die Abendsonne scheint und wir trinken ein Glas Weißwein. Das ist urgemütlich.

Andere Gedanken lasse ich nicht zu.

Ich kann in dieser Nacht gut schlafen.

Und als ich am nächsten Morgen aufwache, fühle ich mich gut, normal. Mein Nacken schmerzt etwas. Vielleicht habe ich mich verlegt. Aber sonst keine Gedanken. Natürlich denke ich, mache ich mir Gedanken, aber ich denke nicht diesen Gedanken, obwohl ich ihn nicht vergessen habe. Aber ich denke ihn nicht.

An diesem Tag mähe ich den Rasen. Es ist eine größere Fläche. Da kann man gut nachdenken. Und obwohl ich, wie gesagt, diesen Gedanken nicht weiter bedenken wollte, dachte ich doch die ganze Zeit darüber nach. Was macht einen Propheten eigentlich aus?

Ich denke mir, dass Gott jemand erwählt hat, einen Auftrag gegeben hat – und da viele Propheten den Auftrag nicht ausführen wollten, ein Zeichen setzte.

Ist mir dies geschehen? Wo ist das Zeichen?

Später befrage ich das Internet über das „Dasein von Propheten”. Die Propheten zu früheren Zeiten hatten kein Internet zur Verfügung. Wo um alles in der Welt haben sie sich informiert?

Im Internet erfahre ich, dass ein Prophet jemand ist, der, falls man dem griechischen Wortstamm folgt, etwas herausspricht. Das könnte auf mich schon zutreffen, überlege ich mir. Manchmal bin ich etwas vorlaut. Es gibt Dinge, die ich nicht artikulieren müsste.

Und dann lese ich auch noch, mehrmals sogar, dass ein Prophet jemand ist, der fehlerfrei ist.

Ich beende meine Recherche wohlgemut. Ich bin also kein Prophet, denn fehlerfrei bin ich auf keinen Fall.

Ich fühle die Erleichterung. Um das zu erhärten, beschließe ich ein paar Fehler zu machen, spontan. Aber dummerweise fällt mir nichts ein, wo und wie ich einen Fehler machen könnte.

In der Folgezeit habe ich das ganze Prophetenthema vergessen. Gut so.

Aber mein Entsetzen ist groß, als ich ein paar Nächte später eine Erscheinung habe. Gott sagt mir, ich sei ein Prophet und ich solle mich nicht so anstellen.

Übrigens, Gott erscheint mir als eine eigenartig konturenlose Gestalt in Weiß. Ich sehe kein Gesicht. Aber an seiner Stimme erkenne ich, dass es Gott ist.

Wenn mich jemand fragt, wieso, kann ich das allerdings nicht beantworten.

Gott sagt zu mir, dass auf dieser Welt vieles verkehrt läuft. Er gesteht mir, dass er mit seiner Schöpfung nicht zufrieden ist Sie war nicht perfekt. Die Menschen stellen Gier über Liebe, Haß über Vergebung, Verrat über Vertrauen. Und er sagt, also Gott sagt, er habe mich auserkoren, dies zu verkünden.

Dann bin ich wach und schweißnass. Warum ich?

Ich bete tief und innig, konzentriert und leise schreiend.

Dann verstärkt sich meine Gewissheit, dass ich ein Prophet bin.

Ich koche Kaffee an diesem wunderschönen, sonnigen Morgen und wir trinken ihn gemeinsam, als meine Frau aufgestanden ist.

Sie sagt mit leicht verärgerter Stimme, dass der mächtige Zweig unseres Pflaumenbaums abgerissen sei, obwohl es keinerlei Sturm in dieser Nacht gegeben habe.

Ich denke unwillkürlich: Ein Zeichen?

Ich trinke konzentriert und still meinen Kaffee. Dann frage ich sie mit leiser Stimme: „Was würdest Du sagen, wenn ich behaupte, dass ich ein Prophet bin.”

Meine Frau lacht und ich merke, dass sie mit ihren Gedanken ganz woanders ist. „Heute gibt es keine Propheten mehr.”

Ja, das dachte ich bisher auch. Aber seit heute Nacht habe ich meine Meinung geändert. Meine Frau sieht auf die Uhr. Sie sei schon spät dran, müsse zur Physotherapeutin.

Dann geht sie.

Ich lese in der Bibel nach, was einen Prophet ausmacht.

Ein Prophet ist jemand, der Gottes Auftrag erhält, etwas Unangenehmes der Menschheit zu verkünden. Er kann sich vor seinem Auftrag nicht drücken. Gott setzt sich durch.

Ich glaube zwar nicht, dass ich im Magen eines Wals landen werde. Aber mein Herz verkrampft sich.

Ich gehe zu meinem Pfarrer. Das ist zur Mittagszeit. Er bietet mir an, das Käsebrot mit mir zu teilen. Aber nach Käse ist es mir jetzt nicht. Ich frage ihn, was er mir raten kann, da ich nun Prophet bin. Er hört sich mein Anliegen ruhig an. Und dann sagt er: „Wenn Du ein Prophet bist, musst Du Deine Botschaft sagen. Und Gott wird dafür sorgen, dass man Dich hört.”

Er sagt dies mit ruhiger Überzeugung.

Ich bin mir da nicht so sicher. Ich habe in der Bibel einige Propheten gefunden, die vom Volk nicht angehört wurden.

Gut, das Volk wurde dann bestraft – vermutlich der Prophet gleich mit. Auftrag nicht ausgeführt. Versagt.

Ich schreibe in meiner Gemeinde einen newsletter. Den verteile ich jeden Monat an etwas 200 Personen. Ich beschreibe meine Situation in ein paar Sätzen und frage, ob mir jemand raten könne, was ich jetzt tun solle. Aber keiner schreibt mir. Anscheinend weiß niemand für mich eine Lösung.

Wenn man sich heute verständlich machen will, muss man groß denken. Einigermaßen groß jedenfalls. Daher rufe ich beim Bayerischen Rundfunk an. Wissen Sie, wie das ist, wenn man bei einer Rundfunkstation anruft? Man wird von einer netten weiblichen Stimme (warum muss das immer eine weibliche Stimme sein?) empfangen. „Was kann ich für Sie tun?”

Ich sage, ich sei ein Prophet und möchte mich gerne im Rundfunk äußern.

Die Dame zögert keinen Augenblick. Sie sagt: „Ich verbinde Sie mit unserer Religionsredaktion. Bitte bleiben Sie am Apparat.” Es ertönt ein Pfeifgeräusch. Dann eine Musik und zwischendurch sagt immer jemand: „Hold on, please.” Ich bin verwundert, dass die Vermittlung des Bayerischen Rundfunks englisch spricht. Ich hätte da eher einen Satz wie „Bleiben’S dran zifix.” erwartet.

Die Stimme wiederholt sich. Nach genau 9 Minuten und zwanzig Sekunden lege ich den Hörer auf. Wurde ich bewusst ins göttliche Nirwana verlegt?

Nein, dass kann nicht sein.

Ich rufe noch einmal an.

„Ich bin ein Prophet und wollte die Religionsredaktion sprechen.” beginne ich zaghaft.

„Tut mir leid, ” sagt eine wahnsinnig nett klingende Stimme am anderen Ende. „Der Papst ist gerade nicht da.”

Ach so. Ja. Ich bin sprachlos. Gott gibt mir in diesem Moment nicht die richtigen Worte ein. Außerdem bin ich nicht katholisch.

Ich kenne einen Bischof. Den rufe ich an. Seine Sekretärin fragt mich nach meinem Anliegen. Ich überlege. Wenn ich mich als Prophet oute, werde ich wieder ins Nirwana verbunden. Ich behaupte, dass ich ein persönliches Problem habe und unbedingt ein seelsorgerliches Gespräch bräuchte.

Die Sekretärin sagt, der Bischof sei in einer Konferenz. Ich soll mich in einer Stunde wieder melden.

In einer Stunde hat mich der Mut verlassen und ich melde mich nicht mehr.

Ich habe verstanden, dass ein Prophet, seine Botschaft verkünden muss. Sonst wäre er ein Versager. Aber wie kann ich wem etwas sagen? Früher haben sich die Propheten auf die Agora, also auf den Marktplatz gestellt und einfach geredet.

Da kommt mir der Gedanke. So mache ich das auch.

Ich fahre nach Nürnberg. Auf dem Hauptmarkt stelle ich eine Kiste auf, steige hoch.

Ich stelle fest, wie mich Leute aufmerksam ansehen. Das fängt gut an. Hier habe ich die Öffentlichkeit, die ich benötige.

Ich rufe: „Ich bin ein Prophet und ich muss Euch sagen, dass ihr euch ändern müsst. Sonst wird es Euch schlecht ergehen.” Die Leute schauen mich neugierig an. Ein älterer Herr brüllt: „Lauter.”

Ich wiederhole mich. Aber ich stelle bald fest, dass meine Botschaft nicht so aufregend klingt. Ändert Euch. Na gut, das ist heute Allgemeinwissen. Aber hilft das etwas, wenn ich mich ändere? Wird dann die Welt besser, der Euro sicherer, das Klima besser? Ich merke, dass meine Botschaft nicht originell ist.

So deftige Worte wie Jeremia habe ich gar nicht geführt: ausreißen, einreißen, zerstören, verderben…

Aber ich halte durch und spreche eine ganze Stunde. Eine Stunde sind sechzig lange Minuten. Die Menschen gehen an mir vorbei, die meisten schnellen Schrittes, ein paar zögern, beobachten mich neugierig. Aber auch sie suchen schnell das Weite. Vielleicht wird ihnen meine Rede langweilig. Ich halte ja keine Predigt, ich verkünde nur eine Botschaft. Das sind höchstens zehn Sätze, die ich immer wieder wiederhole.

Ich gestehe, dass dies vielleicht keine optimale Öffentlichkeitsstrategie ist.

Deshalb packe ich schließlich meinen Hocker wieder ein und entferne mich. Nur zwei Straßen weiter sehe ich einen anderen Propheten. Auch er steht auf einem Platz und spricht (Die Inhalte sind durchaus ähnlich.) Anscheinend hat Gott noch mehr Propheten beauftragt. Ich bleibe stehen und höre ihm aufmerksam zu. Ich erkenne, dass er sich darüber freut. Als er eine Pause macht, stimme ich ihm zu, lobe ihn. Er soll weitermachen. Auch Propheten brauchen eine Ermutigung.

Zuhause wird mir eines grundsätzlich klar: Gott würde sich heute vermutlich eher online äußern. Im Internet finde ich ein Unternehmen, das sich mit Plakatwerbung beschäftigt: Plakat-verkauft.de. (Ich kann die Zusammenarbeit nur empfehlen.) Ich habe online ein Plakat gestaltet: „Verzichtet auf Gier und Hass, sonst wird Euch der Herr vernichten!” Unterschrieben mit „ein Prophet”. Ich habe für eine Woche 50 Plakatorte in Nürnberg, Fürth und Erlangen gebucht. Dort konnte ich wirklich, unübersehbar, gelber Grund und schwarze Schrift, meine Plakate bewundern. Ich nehme an, Sie haben die Plakate auch gesehen. Übrigens hat auch der Bayerischer Rundfunk über meine Plakate berichtet und das Fernsehen drehte einen Kurzfilm. (Ich habe nun eine Rücksprache mit dem Papst.)

Ich war in dieser Woche viel unterwegs, zog von Plakat zu Plakat. Ich habe die Menschen beobachtet, die meine Plakate gelesen haben und ihre Mienen studiert. Ob sie ergriffen waren? Ich konnte es nicht ergründen.

Dann ging ich nach Hause, das musste genügen. Ich hätte auch keine zweite Plakataktion starten können, meine finanziellen Ressourcen waren erschöpft.

Um ehrlich zu sein, ich hätte jetzt einen Kommentar von Gott erwartet. Einen Traum, ein Gesicht, einen abgerissenen Zweig (wobei wir den Pflaumenbaum mittlerweile gefällt haben). Aber nichts geschah.

Wir haben im Garten einen Feigenbaum stehen. Ja, auch ein Feigenbaum gedeiht in unseren Breiten. Ich habe mir einen bequemen Stuhl geholt und diesen unter den Feigenbaum gestellt. Daneben ein Tischchen, ein Glas darauf und eine Flasche. In der Flasche befand sich Feigenschnaps. Habe ich bei Edeka (Sonderangebot) für 17,99 € erstanden. Ich wollte mir noch etwas Gutes tun, ehe die Welt untergeht. Davon war ich mittlerweile überzeugt.

So saß ich und trank meinen Feigenschnaps mit Genuss.

Aber nichts geschah. Ich finde das enttäuschend. Warum geht die Welt nun nicht unter?

Ich stelle fest, dass die Blätter des Feigenbaums dunkle Flecken bekommen. Ich nehme an, das sind die Flecken des Todes. So also findet ein Weltuntergang statt!

Ich saß einige Tage neben meinem Feigenbaum, trank das eine oder andere Gläschen. (Ich hatte natürlich noch das eine oder andere Fläschchen im Vorrat) und wartete aufmerksam. Dabei stellte ich fest, dass der Feigenbaum einging. Ich goss ihn zwar jeden Tag, aber die braunen Flecken wurden immer größer. Alles andere um mich herum wuchs und gedieh. Nichts mit Weltuntergang. Gott lässt nur meinen Feigenbaum untergehen.

Ich zürnte mit Gott.

Da hatte ich doch wieder diese Erscheinung mit dem konturenlosen, weißen Wesen, das ich nicht beschreiben kann, von dessen Stimme ich aber felsenfest überzeugt bin, dass sie Gottes Stimme ist.

Und diese Stimme fuhr mich reichlich unfreundlich an: Warum ich zürne!

Nun erhebe ich meine Stimme: „Mensch Herr! Ich habe mich lächerlich gemacht. Ich habe geredet, geschrien, gedroht. Ich habe mein ganzes Vermögen in diese Plakataktion gesteckt und was, bitte, machst Du? Du lässt meinen Feigenbaum eingehen, aber die Welt lässt Du einfach so wie sie ist.”

Gottes Stimme nahm nun einen sehr beschwichtigenden Ton an: „Mein Lieber, die Menschen haben unsere Botschaft gelesen und sich geändert. Die Gottesdienste am letzten Sonntag waren voll. Ich habe nur Dich vermisst.”

Ich verteidige mich. Also zum einen habe ich auf den Weltuntergang gewartet, zum anderen kann ich den Pfarrer nicht leiden, der am letzten Sonntag predigte. Der predigt immer vom Weltuntergang und ich kann das einfach nicht mehr hören.

„Herr Gott, die Menschen haben sich nicht geändert, ” schrie ich in meiner Verzweiflung.

„Doch, doch, ” sagte Gott sehr milde. „Die Menschen haben sich schon ein bisschen geändert und darüber habe ich mich sehr gefreut. Deshalb will ich die Menschen verschonen. Ich weiß, die Menschen haben ein paar angeborene Fehler. Nichts ist eben perfekt.” Gott klang zerknirscht und er versprach mir, dass die nächste Schöpfung besser werde.

Dann aber wurde seine Stimme scharf. Göttliche Schärfe kann es in sich haben. „Du hörst jetzt sofort zum Trinken auf und freust Dich an den Menschen. Das ist mein göttlicher Befehl.”

Dem bin ich dann auch gefolgt.

Zuerst habe ich mich an der Sonne erfreut.

Dann habe ich meine Frau liebevoll in den Arm genommen.

Dann habe ich meinen Pfarrer zu einem Essen eingeladen (damit er nicht immer nur Käsebrot essen muss) und wir haben uns vergnüglich über die Propheten des Alten Testaments unterhalten. Ich finde, man kann wunderbar über die alten Zeiten reden.

Ich bin jetzt Mitglied im Gemeindeausschuss und bringe in die Diskussion die Gedanken ein, die man als Prophet eben so hat.

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